CITY Lights : Große Fische, kleine Fische

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Wenn ein Filmemacher Kultstatus erlangt hat, benötigt er keine Preise mehr, denn der Kultstatus ist die höchste Auszeichnung. Tim Burton und die Coen-Brüder erfreuen sich dieser Ehre seit einem Vierteljahrhundert, sie stehen für Individualismus im Mainstream. An ihnen sieht man, dass die Traumfabrik Außenseiter duldet. Es fällt auch schwer, sie gegeneinander auszuspielen. Nur bei den Oscars zeigt sich eine unterschiedliche Wertschätzung: Der in zehn Kategorien nominierte Western „True Grit“, demnächst Berlinale-Eröffnungsfilm und in den USA seit Wochen ein Hit, ist bereits der dritte Coen-Film, der das Rennen um die wichtigsten Preise antritt. Bei Tim Burton dagegen finden immer nur die Schauwerte Anerkennung: Diesmal sind es Ausstattung und Kostüme von „Alice in Wunderland“. Fehlt es seinem Werk an Substanz oder haben die Juroren Vorurteile gegen Fantasy-Filme?

Als Künstler mit einer eigenen Note wird Tim Burton weiterhin geschätzt, das beweist die Retrospektive im Arsenal. Sie wird mit der fiktiven Familienbiografie Big Fish fortgesetzt (heute und Sonnabend), in der Marion Cotillard ihr englischsprachiges Debüt gab, außerdem mit dem makabren Stop-Motion-Puppenfilm The Corpse Bride (Freitag und Montag). Die Coen-Brüder sind ebenfalls Dauergäste in den Programmkinos: Mit Jeff Bridges, dem Star von „True Grit“, haben sie bereits The Big Lebowski (Freitag und Sonnabend im Filmkunst 66) gedreht, in dem – kultigster Oberkult – ein Alt-Hippie mit einem Millionär verwechselt und in eine Entführung hineingezogen wird.

Wer als Regisseur in einer Diktatur überleben will, braucht vor allem Linientreue – sollte man zumindest meinen. Doch für Aelita (1924), die erste Großproduktion der noch jungen Sowjetunion, wurde ein bürgerlich-konservativer Regisseur verpflichtet, der nach der Oktoberrevolution das Land verlassen und in Paris gelebt hat. Jakov Protazanov standen über 3000 Komparsen zur Verfügung, die in konstruktivistischen Dekorationen eine Revolution auf dem Mars nachstellten und als Teil der Werbekampagne wurden Flugblätter abgeworfen. (Sonntag im Babylon Mitte). Ein überzeugter Kommunist wie Wsewolod Pudowkin hatte es schwerer, sich mit seinen experimentellen Arbeiten durchzusetzen. Sein erster Tonfilm Desertir (1933) handelt von einem Hamburger Arbeiter, der zum Streikbrecher wird und erst nach einem Besuch in der Sowjetunion das nötige Klassenbewusstsein erlangt (heute im Arsenal). Eine einfache Geschichte und zugleich völlig unverständlich, da Pudowkin den Ton kontrapunktisch eingesetzt hat. Der Ton soll nicht erklären, sondern aufschrecken. Politische Reden werden zerpflückt und klingen wie gebellt. Ein unvergessliches Erlebnis, als Propaganda unbrauchbar.

In der Weimarer Republik war Phil Jutzi der wichtigste Vertreter des proletarischen Films. Die Reihe „Cinemamobile“ im Central Rixdorf präsentiert jetzt seine um 1920 entstandene Western-Jugendsünde, den um 1920 entstandenen Bull Arizona – Das Vermächtnis der Prärie (Sonnabend 20 Uhr, Böhmische Str. 46, U-Bhf. Karl-Marx-Straße). Wie immer bei Stummfilmvorführungen an diesem Ort kommt ein Originalprojektor zum Einsatz. Zuschauer mit starkem Handgelenk sind erbeten: Der Mann an der Kurbel braucht gelegentlich eine Ablösung.

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