CITY Lights : Guten Morgen, du Laute!

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Zweieinhalb Jahre schon läuft die Magical History Tour im Arsenal in thematischer Ordnung – und noch immer trauert mancher jenen Zeiten nach, als sich die Reihe chronologisch durch die Filmgeschichte fraß und jeder sich sein eigenes Programm aus Verwandtschaften und Verweisen zusammenbasteln konnte. Jetzt leisten die Kuratorinnen diese Verknüpfungsarbeit schon vorweg. „Von Schattenwesen, Geistern und Doppelgängern“ heißt es im April – ein wahrlich weites Feld. Das reicht von Stellan Ryes Doppelgängergeschichte Der Student von Prag (1913, Mittwoch) bis zu Philip Scheffners Dokumentarfilm The Halfmoon Files (2007, Sonntag), der Stimmdokumente indischer Kriegsgefangener zum Ausgangspunkt einer vielschichtigen und materialreichen Recherchereise durch die deutsche Medien-, Wissenschafts- und Kolonialgeschichte nimmt. Dabei schwirren nicht nur die entkörperten Stimmen der Kolonialsoldaten als Geister einer unheimeligen Vergangenheit durch den Wünstorfer Wald, auch ein gern zitiertes „authentisches“ historisches Dokument zum deutschen Kriegseintritt mutiert zum rekonstruierten Fake.

Eher holprig der Weg von hier zu Woody Allens The Purple Rose of Cairo, der die verhuschte Kellnerin Cecilia auf ihren Kinofluchten vorm trostlosen Arbeits- und Eheleben mit einem leibhaftig von der Leinwand herabgestiegenem Filmhelden beglückt. Diese Grenzüberschreitung stürzt nicht nur die Leinwandfiguren in schönste Unordnung, sondern verschreckt auch deren Macher in Hollywood. Auch fast 30 Jahre nach seiner Premiere wirkt der Film wunderbar frisch – so unangestrengt reflektiert er die ambivalente Existenz von Bildern und Geschichten zwischen Leinwand, Geschäft und Zuschauerfantasien. Adaptiert hat Allen das offensichtlich aus Buster Keatons „Sherlock Junior“, der seinen träumenden Helden – einen Filmvorführer – in Gegenrichtung vom Vorführstübchen auf die Leinwand schickt: Wie schön, wenn der rasante und filmhistorisch richtungsweisende Film demnächst auch die Magical History Tour schmücken könnte.

Wenn etwas in diesem Woody-AllenFilm nervt, dann ist es die quäkige Stimme Mia Farrows. Vermutlich soll sie naive Unbedarftheit spiegeln, womit sie dem Zeitgeschmack junger Frauen heute irritierend nahe kommt. Die piepsen oft gerne nach Kindchenschema herum, wohl Symptom eines antifeministischen Backlashs. Schließlich erhoben die Protagonistinnen der zweiten Frauenbewegung in den Siebzigern ihre Stimmen vernehmlich. In der DDR waren es vor allem die Protokolle nach Tonband, mit denen die noch im gleichen Jahr früh verstorbene Maxie Wander 1977 unter dem Titel Guten Morgen, du Schöne die offizielle Rede von der Gleichberechtigung Lügen strafte. Das Buch machte in Ost und West Furore. Jetzt kommen drei der Stücke als Film in der Gedenkveranstaltung für Thomas Langhoff am Sonnabend und Sonntag im Brotfabrik-Kino nochmals auf die Leinwand. Der am 18. Februar gestorbene Regisseur hatte sie 1980 für das DDR-Fernsehen inszeniert, seitdem waren sie nicht mehr zu sehen. Bemerkenswert heute, dass die Verkörperung dokumentarisch gewonnenen Materials durch Schauspielerinnen (Jutta Wachowiak, Ruth Reinecke, Lotte Loebinger) seit ein paar Jahren als verfremdendes Modell im deutschen Dokumentarfilm wieder populär ist – auch eine Form der Doppelgängerei. Thomas Langhoff wäre am Ostersonntag 74 Jahre alt geworden.

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