CITY Lights : Herr Wespe und Frau Stechmückin

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Kinderfilme werden an dieser Stelle eher selten angepriesen. Das liegt daran, dass das Angebot für die Kleinen jenseits der normalen Filmstarts auf seltene Matinees oder Festivitäten begrenzt ist. Eine Ausnahme macht seit 25 Jahren das Kinderkinobüro, das monatlich einen ausgewählten Film durch Vor- und Nachmittagsvorstellungen tingeln lässt. Im Juni ist dies die niederländisch-deutsch-belgische Koproduktion Erik im Land der Insekten (2004, Regie: Gidi van Liempd, ab 7 Jahre), die sich charmant und souverän im spärlich bevölkerten Schwellenreich zwischen Lehrfilm und Unterhaltung bewegt. Der um seinen verstorbenen Vater trauernde Erik wird auf Großpapas Dachboden auf Ameisengröße geschrumpft und landet erst mitten auf einer von Mini-Getier belebten Großstadtwiese und dann im Schneck-otel. Das Besondere: Nicht nur Erik und sein Opa, sondern auch Herr Wespe, Frau Stechmückin, Grashüpfer und Tausendfüßler werden von menschlichen Darstellern verkörpert, feinstmöglich herausgeputzt und fantasievoll zur Kenntlichkeit kostümiert. Dass sich nebenbei einiges über unsere sechsbeinigen Mitbewohner lernen lässt, dürfte da selbst Erwachsenen gefallen (Details über Kinos und Termine unter Telefon 23 55 62 52).

Während Erik nach seinem Ausflug endlich sein Referat abgeben kann, tritt am Freitagabend im Babylon-Mitte gleich ein leibhaftiger Entomologe zur Eröffnung der dortigen Hitchcock-Retro auf. Mark Benecke, laut Kino-Website als Forensiker aus Funk und Fernsehen allseits bekannt, soll den „Entertainer des Grauens“ in einer Infotainment-Schau nach dem Film „sezieren“. Abgesehen davon, dass der Spaß mit 22 € nicht gerade preiswert ist, bleibt der Stadterleuchterin auch nach eingehender Lektüre des Textes unklar, was ausgerechnet ein Gerichtsmediziner etwa über Vertigo mitzuteilen haben sollte. Schließlich war Hitchcock weder Splatter-Filmer noch ein früher Vorläufer von CSI, sondern vor allem ein gewitzter Erzähler, der sich um den Realitätsgehalt seiner Stoffe ausdrücklich nicht scherte. Aber vielleicht wird solche Skepsis ja am Freitag mit Brillanz und Verve neutralisiert. Vorher gibt es mit The Rope noch Hitchcocks ersten 1948 gedrehten Farbfilm: Nicht nur nach Einschätzung des Meisters selbst ist das mit scheinbar einer einzigen Einstellung gedrehte Kammerspiel vor allem als filmtechnisches Experiment bemerkenswert. Am Sonnabend geht es in einem sogenannten Marathon mit acht Filmen weiter – vom Nachmittag bis zum sonntäglichen Nach-Morgengrauen. Produktionen aus vier Jahrzehnten werden zu sehen sein, von Frenzy über Rear Window bis The 39 Steps (www.babylonberlin.de).

Eriks Land der Insekten liegt irgendwo zwischen „Mikrokosmos“ und „Alice in Wonderland“, bei Benecke ist es das tote menschliche Fleisch, das Maden und Fliegen nährt und beherbergt. Wie man mit dem Tod – und auch den Geistern – im Kino ganz ohne Niedlichkeiten oder Gruselfaktor auskommt, zeigt Apichatpong Weerasethakul in seiner palmenbekränzten Dschungelmeditation Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben, die am Montag im Freiluftkino Kreuzberg noch einmal aufgeführt wird. Insekten gibt es hier auch, wenn sie auch meist nicht sichtbar sind. Dafür geben sie fast den ganzen Film über den lebendig betörenden Grundton des nordthailändischen Urwalds. Genau das Richtige für Freiluft also, in einer hoffentlich tropischen Berliner Sommernacht.

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