CITY Lights : Ich Mensch, du Maschine

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Die documenta ist vorbei. Zeit also, endlich die dicken Begleitbücher nachzuarbeiten? Denkste! Denn neben dem gut bestückten regulären Kinoleben der Stadt gehen auch die herbstlichen Sonder-Ereignisse in die Vollen. Und das gestärkt, denn das aus Geldnöten drei Jahre lang nach Amsterdam ausgewanderte Kunstfilmfestival doku-arts ist nun wieder in der Stadt. Das Besondere an dem 2006 in der Akademie der Künste gestarteten und jetzt im Zeughaus stattfindenden Festival: Hier werden nicht Film- und Videoproduktionen von Künstlern gezeigt, sondern unter dem Motto „Prozess und Gedächtnis“ Dokumentarfilme über Kunst aus dem Herrschaftsbereich aller Musen. Dass es dabei nicht um glatte TV-Biopics geht, zeigt am Sonnabend exemplarisch das von Reinhard Wulf für den WDR produzierte Porträt des Kanadiers Mark Lewis: „Nowhere Land“. Der Film begleitet eine komplette Produktion, bei anderen lässt er sich jeweils am Drehort Idee und Herstellung der Arbeiten erklären, die reale Topografien durch filmische Verfahren wie Zeitlupe oder Rückprojektionen verdichten. Verblüffend, wie viel Raum der logistische Aufwand im Schaffensprozess einnimmt. Da werden für ein paar Minuten Kunst tagelang Straßen gesperrt und aufwendige Kamera-Konstruktionen aufgebaut. Ergänzt wird der Abend durch eine 39-minütige Arbeit des Künstlers („Backstory“) über die Geschichte der Rückprojektion in Hollywood und einen Vortrag zu Lumières These, das Kino sei eine Erfindung ohne Zukunft.

Ob der Mensch eine Schöpfung ohne Zukunft ist, fragen Alexander Kluge und Basil Gelpke in Mensch 2.0 – Die Evolution in unserer Hand (nicht zu verwechseln mit der ähnlichen BBC-Doku „Mensch Version 2.0“). Damit spinnen sie eine frühere DVD-Veröffentlichung weiter und zeigen sie morgen als Premiere in Anwesenheit der Filmemacher im Rahmen der „Aktion Mensch“-Tournee im Arsenal. Das Stück bewegt sich – typischer Spät-Kluge – in dialogischer Manier von Goethes Homunkulus bis zu Professor Ishiguro, der in Osaka an der perfekten Kopie des menschlichen Gehirns arbeitet, und fragt nach Tendenzen künstlicher Intelligenz zwischen prothetischem Hilfsmittel und roboter-eigener Kreativität.

Wird der Mensch bald zur Subspezies der Maschinen? Altmodisch unheimlich sind die von Yuzo Takahashi für die Medizinerausbildung entwickelten Patientenroboter, die seltene Krankheitsbilder simulieren und so aussehen, als seien sie soeben einem Giftgasangriff der Aum-Sekte entwichen. Antworten, das ist Kluge sich schuldig, gibt es nicht. „Aktion Mensch“ wird heute im Cinemaxx von dem Spielfilm „Die Kunst sich die Schuhe zu binden“ (siehe nebenstehende Kritik) eröffnet – alle sechs Filme laufen selbstverständlich barrierefrei.

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