CITY Lights : Ihr werdet euch noch wundern

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Über die Armut im Alter wird derzeit viel geredet, gerade auch bei Freiberuflern und Künstlern sind die Renten selten üppig genug, um ein Altersleben ohne Zuverdienst zu gewähren. Bei Alain Resnais dürfen wir aber getrost davon ausgehen, dass nicht finanzieller Druck ihn dazu treibt, auch im hohen Alter mit manischer Arbeitswut Filme zu produzieren. Erst am 3. Juni wurde dem (im gleichen Jahr wie Antonioni geborenen) Altmeister in den Feuilletons der Welt zum Neunzigsten gratuliert. Doch von Ruhestand kein Spur. Nur ein paar Monate, nachdem Resnais dieses Jahr in Cannes mit „Vous n’avez encore rien vu“ (Ihr werdet euch noch wundern) die versammelte Filmmeute entzückte, ist er dem Vernehmen nach schon wieder auf Dreh für das nächste Projekt.

Als verspäteter Geburtstagsgruß lässt sich auch die Retrospektive sehen, die Resnais derzeit im Arsenal gewidmet ist und noch bis Ende des Monats auch seltene Kurz- und Studentenfilme vorstellt. Am Freitag gibt es mit Muriel ou le temps d’un retour (am Freitag im Original mit englischen Untertiteln) eine bei der Premiere in Cannes 1963 heftig umstrittene, bis heute wirkungsmächtige Arbeit, die Resnais’ Zeit- und Erinnerungsschleifen mit der handfesten Realität des gerade erst beendeten Algerienkriegs zu einer kunstvoll montierten kubistischen Collage zusammenfügt. Die halb zerstörte Hafenstadt Boulogne-Sur-Mer gibt dabei einen Nicht-Ort verpasster Begegnungen, zusammenbrechender Lebenslügen und verleugneter Schuld. Dem Regisseur wurde damals Missbrauch der in Kriegsverbrechen Massakrierten zum artistischen Selbstzweck vorgeworfen, doch in Wirklichkeit war es wohl eher das Unbehagen über von der französischen Öffentlichkeit Verdrängtes, das den Unmut trieb.

Wie viele Cineasten scharte Resnais seine eigene Filmfamilie um sich: Mit „Muriel“-Kameramann Sacha Vierny hat er insgesamt sechs Mal gearbeitet, zuletzt bei L’amour à mort (1984, am Samstag), einem nur scheinbar simpel inszenierten Film über die innige Verbindung von Liebesglück und Tod. Dies war auch die zweite Zusammenarbeit mit dem Schauspieler-Quartett Fanny Ardant, Pierre Arditi, Sabine Azéma und einem vollbärtigen André Dussollier: eine Art Urzelle des noch höchst aktiven heutigen französischen Erwachsenen-Kinos.

Auch bei Mélo (am Samstag) zwei Jahre später ist die Darstellertruppe komplett versammelt, wenn auch in völlig anderem Setting: Für die Verfilmung des Boulevardstücks aus den zwanziger Jahren entfernt sich Resnais von der De- und Re-Montage klassisch linearer Handlungsverläufe und setzt auf die Verfremdung durch Kulissenzauber mit künstlichem Grillengezirpe und plakativ romantischer Sternendekoration. Dazu glänzt das Kammerspiel mit feinster Schauspielerführung. Das war nicht immer so. Beim Dreh von „Letztes Jahr in Marienbad“ hatte sich die Darstellerin Delphine Seyrig noch bitterlich über die Missachtung durch den auf Technik und Kameraführung fixierten Regisseurs beschwert.

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