City Lights : In der Kutsche mit John

Jahrzehntelang wurde der Blick auf die Filme von John Ford bei uns durch den Filter amerikanophiler oder -phober Projektionen und ideologisierter Debatten verstellt. Doch wer kennt die Western heute wirklich noch?

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Am Ende von Peter Handkes Roman „Der kurze Brief zum langen Abschied“ besucht der Erzähler den Regisseur John Ford in seinem Haus bei Los Angeles. Beim Herumsitzen auf der Veranda und einem Spaziergang unterhält man sich über das Kino und die Welt und die Unterschiede zwischen den USA und einem nicht definierten „Bei-euch“. Die Sentenzen, die Ford in den Mund gelegt werden, treffen mit ihrem Interesse an Fragen sozialen Zusammenlebens zwar den zentralen Punkt seiner Filme. Dennoch sagt der Handke-Sound mehr über deutsche Befindlichkeiten als über den Regisseur. Kein Sonderfall: Jahrzehntelang wurde der Blick auf Fords Filme bei uns durch den Filter amerikanophiler oder -phober Projektionen und ideologisierter Debatten verstellt. Schließlich hatten die Western des mehrfachen Oscar-Preisträgers das Amerikabild der Nachkriegsgeneration maßgeblich mitgeprägt und mit John Wayne einen Darsteller protegiert, der gern als Propagandist der Rechten auftrat.

Doch wer kennt heute noch die Filme, abgesehen von verstümmelten Synchronfassungen aus dem nächtlichen Fernsehprogramm? Einige waren in der „Magical History Tour“ des Arsenal zu sehen, an eine Retrospektive kann man sich selbst dort nicht erinnern. Auch jetzt reicht das Geld nur für das „kleine“ Programm: 16 ausgewählte Filme aus den Jahren 1934 bis 1964 werden im Mai im Arsenal auf die Leinwand gebracht. Eröffnet wird die Werkschau am Samstag mit Stagecoach, der 1939 Ford als Western-Regisseur bekannt machte und seine Verbundenheit mit der imposanten Landschaft des Monument Valley und dem Schauspieler John Wayne (beide sind zu seinen Markenzeichen geworden) begründete. Die Einführung des streitbaren US-Filmhistorikers Tag Gallagher, der 2007 mit dem Buch „John Ford – The Man and His Films“ neue Sichtweisen auf Fords Werk eröffnete, dürfte dabei mehr bringen als ein bisschen Wissenschaftsglamour.

Am Mittwoch zu Fort Apache wird Gallagher mit einem kommentierenden Videoessay auch filmisch präsent sein. „Fort Apache“ (1948) beginnt wie ein Serial zu „Stagecoach“ mit einer Kutschfahrt durch das Monument Valley, John Wayne wird gekontert von Henry Fonda als Colonel. Der Film ist der erste von Fords Kavallerie-Western, mit Fahnen, Fanfaren und Pferden, doch ganz ohne Männertümelei. Gerade Ford-Verächter sollten sich den Film ansehen.

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