Kultur : City Lights: Kannibalen-Filme

Frank Noack

Die Kannibalen kommen! Und "Hannibal" ist an allem schuld. Psychologen warnen bereits vor der Wirkung, die von Ridley Scotts Horrorfilm ausgehen könnte; psychisch instabile Zuschauer könnten Hannibal Lecters Taten nachahmen und arglose Mitmenschen anknabbern. Dabei ist diese ungewöhnliche Esskultur gar nicht so neu, auch nicht im Kino. 1989 präsentierte der exzentrische Brite Peter Greenaway sein wohl letztes Meisterwerk: Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber. Nur mit einem Bruchteil des "Hannibal"-Budgets gedreht, ist Greenaways Film viel eleganter und opulenter, die Kostüme sind von Jean-Paul Gaultier, und sogar die Klos sehen exquisit aus. Am Ende wird ein Mann serviert, mit Soße und Gewürzen drauf, und ihm wird ein Stück aus seinem Magen geschnitten und an die Lippen geführt. Klingt eklig. Ist es aber nicht dank Greenaways stilvoller Regie, und deswegen war "Der Koch" auch kein richtiger Skandal, eher eine Mutprobe für Kunstkino-Besucher. Eine Kannibalismus-Epidemie jedenfalls ist damals nicht ausgelöst worden (22. bis 28. 2. im Nickelodeon, jeweils um 22 Uhr).

Angst um die öffentliche Sicherheit wurde auch anlässlich von Mann beißt Hund (1992) geäußert. In diesem belgischen Film geht es nicht um Kannibalismus, auch wenn der Titel dies in gewisser Weise suggeriert. Sondern um Reality-TV. Ein Fernsehreporter begleitet einen Profikiller und schaut ihm ungerührt bei der Arbeit zu. Gerade wegen seiner extrem beiläufig daher kommenden Gewalt ist dies einer der härtesten Filme aller Zeiten. Drei Regisseure zeichnen für ihn verantwortlich: Rémy Belvaux, André Bonzel und Benoit Poelvoorde (23. und 24. 2. im Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße, 19 Uhr).

Solchen harten Filmen werden gern kommerzielle Interessen unterstellt - die schnelle Mark mit groben Effekten. Dabei ist das Publikum gar nicht so sehr für drastische, harte Filme empfänglich. Diese Erfahrung mussten zuletzt die Regisseurinnen Virginie Despentes und Coralie Trinh Thi mit ihrem halbpornographischen Frauen-schlagen-zurück-Schocker Baise-moi machen. Die Geschichte von zwei jungen Französinnen, die es satt haben, immer nur ausgebeutet zu werden, und die bei ihrem Rachefeldzug auch Unschuldige töten, wollten nur wenige Menschen im Kino sehen, obwohl dauernd einiges los ist in Sachen Sex & Crime und es keine richtig langweilige Sekunde gibt. Ein Grund mehr, dieses herrlich krude Machwerk zu bestaunen (22. 2. bis 1. 3. im Blow Up, 22.15 Uhr).

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