CITY Lights : Keusche Kracher

Berliner Kinos zeigen Filmklassiker von Wim Wender, Alfred Hitchcock und Enzo Castellari

von

Als „keuschen“ Kunstkino-Antipoden eines Softpornoismus à la Alois Brummer hat Stadterleuchterkollege Frank Noack letzte Woche den Regisseur Wim Wenders präsentiert. Illustrieren – oder auch relativieren – lässt sich diese Einordnung derzeit ausgezeichnet in einer dem Regisseur gewidmeten Retrospektive im Arsenal. Heute abend ist Wenders dort selbst mit Kurzfilmen von 1982 bis 2007 zu Gast. Am Sonnabend zeigt Der amerikanische Freund (1977) beispielhaft die Verwandlung von Patricia Highsmiths mondänem Kunstfälscher-Thriller in eine ebenso wertkonservative wie selbstreflexiv aufgeladene Filmästhetik, die erotische Enthaltsamkeit in sehnsuchtsgeladenen Stadtlandschaften und Einsamkeitstaumel sublimiert. Familienverantwortung steht gegen Männerfreundschaft: Beim Dreh hat es wohl ein paar Tage samt Prügelei und feuchtfröhlicher Aussprache gebraucht, bis die Darstellercharaktere Dennis Hopper und Bruno Ganz zum Buddyteam verschmolzen. Die Gangsterrollen hatte Wenders mit amerikanischen und französischen Regiekollegen von Jean Eustache bis Fuller besetzt – darunter auch Nicholas Ray, dessen Krebssterben er drei Jahre später einen eigenen Filmessay widmen sollte. (Nick’s Film – Lightning Over Water, ebenfalls Sonnabend). Heute ist „Der amerikanische Freund“ mit der brillanten Kamera von Robby Müller aber auch eine melancholische Hommage an die späten Siebziger, als die Lokomotiven sich noch wie Buckelwale wölbten und der Hamburger Fischmarkt eine untouristische Stadtbrache mit Gratishafenblick und Billigwohnungen war. Die Leidenschaft für die Eisenbahn teilt Wenders mit Hitchcock, eine Verwandtschaft, die er in seinem Film mit einer Zugreise als Hommage an Hitchcocks „Eine Dame verschwindet“ honoriert.

Auch Suspicion/Verdacht, ein etwas späterer Hitchcockfilm (im Lichtblick am Dienstag, deutsche Fassung) beginnt in einem Bahnabteil, wo zwischen der in ihr Buch vertieften Brillenträgerin (Joan Fontaine) und dem smart gekleideten Herrn mit der Dritte-Klasse-Fahrkarte gegenüber (Cary Grant) schnell die erotischen Blitze hin- und herflitzen, die wir bei Wenders vermissen. Hitchcock stieß sich damals und später an der komplett studioinszenierten Englandidylle der Produktion. Denkbar durchaus, dass die so auffällig blökenden Schafe im Zwischenschnitt auch als ironischer Regie-Kommentar zum Produktionskonzept der RKO Pictures zu verstehen sind.

Im August starten auch die Freunde des schrägen Films um Jürgen Dittrich und Philipp Stiasny in eine neue Runde, die unter dem Titel „Bastardi Gloriosi. Castellari & Co“ italienisches Genrekino der Siebziger und Achtziger um den Regisseur Enzo Castellari vorstellt, der auch für La via della droga – Die Straße des Heroins (am Montag im Babylon-Mitte) verantwortlich zeichnet. Der Polizeithriller folgt Fabio Testi als dreitagebärtigem Drogen-Doppelagenten in einer actionreichen Handlung vom Bikini-Rendezvous am Hongkonger Hotelpool nach Rom und New York. Der zur gleichen Zeit wie „Der amerikanische Freund“ entstandene Film zeigt schön den zeitgenössischen Genre-Hintergrund für das damalige deutsche Kunstkino und ist zum Ausgleich für die fast durchgängig männliche Besetzung mit einer gänzlich kontextfreien Weichzeichner-Lesbenszene garniert. Vorgeführt wird in der deutschen Fassung – und 35mm-Zelluloid, was leider keineswegs mehr als Standard gilt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar