CITY Lights : Lauter leise Töne

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Seit einer Woche läuft in unseren Kinos „Der Seidenfächer“, ein Film, der zwar in China spielt und von einer halbwegs einheimischen Besetzung getragen wird, dessen Drehbuch jedoch von dem Hollywood-Veteranen Ron Bass („Rain Man“) stammt – und die Musik hat Rachel Portman komponiert, die sich bisher auf britische Literaturadaptionen spezialisiert hat. Wer erinnert sich da nicht an „Die Geisha“, in dem chinesische Schauspielerinnen Englisch sprechend als Japanerinnen überzeugen wollten? Derartige Konzessionen an westliche Seh- und Hörgewohnheiten sind offenbar nötig, wenn man auf dem Weltmarkt Erfolg haben will. Wer es authentisch liebt, sollte sich das 15. Hong Kong Film Festival nicht entgehen lassen (bis Sonntag in den Hackeschen Höfen), mit elf neuen Filmen, Kammerspielen ebenso wie Spektakeln. Zu den Arbeiten der leiseren Art gehört Ann Huis Eröffnungsfilm A Simple Life: 60 Jahre hat eine Frau für eine Familie gesorgt, und dann kommt sie wegen eines Schlaganfalls ins Pflegeheim. Ein in mehrfacher Hinsicht authentischer Film: Die 2011 leim Filmfest Venedig prämierte Hauptdarstellerin Deannie Yip ist Taufpatin von Superstar Andy Lau, dessen ehemaliges Kindermädchen sie hier verkörpert. Außerdem haben die Regisseurin und ihr Produzent eigene Erfahrungen mit pflegebedürftigen Angehörigen verarbeitet. Ein wahres Spektakel dagegen ist White Vengeance – Kampf um die Qin-Dynastie (Freitag, Sonntag), aber laut bedeutet nicht fad. Regisseur Daniel Lee befasst sich ausgiebig mit der Vorbereitung auf diesen Kampf, und sie erfordert hohe Intelligenz.

Zu den Feingeistern des deutschen Films gehörte Ludwig Berger, ein Mann der leisen Töne und Vorgänger von Max Ophüls in Sachen Eleganz und Delikatesse – und mit ähnlicher Vorliebe für melancholische Kostümdramen. Den Holocaust hat Berger in den Niederlanden mit gefälschten Papieren überlebt, während sein Bruder, der Architekt Rudolf Bamberger, in Auschwitz ermordet wurde. Ihr gemeinsam konzipierter Stummfilm Ein Walzertraum (Freitag im Zeughauskino), nach der Operette von Oscar Straus, ist in der Reihe „Wiederentdeckt“ zu sehen. Die Einführung hält Christian Rogowski vom Amherst College in Massachusetts, und die Klavierbegleitung von Peter Gotthard erinnert daran, dass Stummfilme nie wirklich stumm gewesen sind.

Hannah Arendts Formel von der „Banalität des Bösen“ im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess inspirierte offensichtlich 1965 den sowjetischen Regisseur Michael Romm zum Titel seiner Dokumentation Der gewöhnliche Faschismus (Freitag im Arsenal). Der Träger des Lenin-Ordens, den er sich mit hagiografischen Filmen wie „Lenin im Oktober“ und „Lenin 1918“ wohl verdiente, war längst in Vergessenheit geraten, und seine fünf Stalin-Preise besaßen in der Tauwetter-Phase keinen Wert mehr. „Der gewöhnliche Faschismus“ mit erschütternden Originalaufnahmen von Wehrmachtsverbrechen und seiner essayistischen Form etablierte Romm wieder als ernstzunehmenden Künstler. Einiges ließe sich beanstanden, etwa die Betonung von Görings Übergewicht oder die Leugnung des Beitrags derWest-Alliierten zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Und doch gibt es Momente kritischer Ambivalenz, Momente, in denen totalitärer Terror generell angeprangert wird.

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