CITY Lights : Mensch und Meer

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Neben den Pianisten sind längst auch andere Musiker ins Spezialmetier der LiveFilmbegleitung übergetreten – etwa die Formationen „Tronthaim“ und „A.L.P.“, die diese Woche in einer gemeinsamen Reihe im Central gastieren. Los geht es heute mit Sergej Eisensteins unverwüstlichem Panzerkreuzer Potemkin (1925), der formal und inhaltlich frei von einer frühen Matrosen-Meuterei am 14. Juni 1905 auf einem zaristischen Kriegsschiff vor Odessa erzählt. Das propagandistische Lehrstück rührt auch heute noch kräftig durch die verbrüdernde Geste der Schlussszene – die Kanonenrohre der von der Admiralität herbeibeorderten Unterstützerschiffe bleiben stumm -, auch wenn sie als Meldung revolutionären Erfolgs weit über die verbürgte historische Sachlage hinausgeht.

Einen kleinen Matrosenaufstand gab es auch bei den Dreharbeiten zu Steven Spielbergs Jaws (1975), der in der Originalversion am Freitag im Eiszeit läuft. Hier waren die Seeleute einheimische Studenten, die beim Dreh vor der Küste der Ferieninsel Martha’s Vineyard mit ihren privaten Schnellbooten zum Chauffieren angeheuert worden waren. Als sie merkten, dass den Profis der technischen Crew deutlich mehr gezahlt wurde, traten sie in den – laut Berichterstatter Carl Gottlieb allerdings bald erfolglosen – Streik. Hartnäckiger kämpft da die Natur, die sich im Film gegen die neuen vermeintlichen Herrscher des Erdballs auflehnt. Als Vorlage braucht es hier keine ökologische Katastrophe, nur die ökonomischen Zwänge eines Ferienresorts („We are a summer town, we need summer dollars“). Und ein pneumatisch angetriebenes Urviech aus Stahl, Neopren, Spezialfarbe und Sand, dessen starre Fischaugen immer wieder vom Meeresgrund zu den zappelnden Beinchen der amüsierwilligen Menschlinge aufblicken.

Noch reduzierter und zugleich um vieles bildgewaltiger erzählt eine aktuelle Doku vom Kampf der Menschen gegen das Meer und ihrem Krieg gegen die, die es bewohnen. Dabei ist es ein nach heutigen Standards altertümlicher Fischereitrawler, den die Filmemacher Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel in ihrem grandiosen Leviathan (Tilsiter Lichtspiele) auf Diensteinsatz im Nordatlantik begleiten. Sensationell daran ist, neben dem Umgang mit Bildern und Tönen, auch hier die Perspektive, die von der Schwerarbeit an Deck in für Menschen gänzlich ungeläufige Erlebniswelten führt. So fliegen Kamera und Zuschauer mit dem Netz ins Meer oder rutschen im Boot zwischen röchelndem Beifang herum. Möglich wird diese visuelle Entgrenzung ironischerweise durch die neuesten Erfolge industrieller Entwicklung und eine minimalistische und robuste Kameratechnik, die keine stofflichen Hindernisse mehr zu kennen scheint.

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