CITY Lights : Merkel und die Bäckersfrau

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Merkel-Lichtspiele hieß das Kino in den 1910er Jahren, als Weißensee noch ein Zentrum deutscher Filmherstellung war. Seit 2012 macht es als „ehemaliges Stummfilmkino Delphi“ dem gleichnamigen Haus an der Kantstraße Konkurrenz, spielt als Veranstaltungs- und Partyort aber in einer anderen Sparte. An diesem Donnerstag gibt es zum 100-Jährigen der Filmstadt Weißensee in der GustavAdolf-Straße aber mal wieder richtigen Stummfilm. Dass ausgerechnet Paul Lenis Wachsfigurenkabinett (1924, am Piano Gregor Graciano) gezeigt wird, lässt angesichts der aktuellen Regierungsbildung aufhorchen, auch die Story um einen im Lunapark als Werbetexter anheuernden Poeten. Könnte Emil Jannings’ Harun Al Raschid nicht ein mit Turban, Wallegewand und Zwirbelschnauzer verkleideter Sigmar Gabriel sein? Spinnen wir weiter: Die schöne Bäckersfrau Zarah (Olga Belajeff), die Harun umgarnt, wäre dann die Partei. Und Merkel selbst Ivan der Schreckliche (Conrad Veidt), der sein vorbestimmtes Schicksal überlisten will und Giftmischer wie Konspiranten um die Ecke bringt. Nur dass der pummelige Bagdader Bäcker (Wilhelm Dieterle) ausgerechnet Assad heißt ... Sind wir wohl doch auf der falschen Spur.

Das grandiose Dekor von Paul Leni mit seinen Hell-Dunkel-Effekten sieht aus, als hätte Chagall die Wohnhöhle der Familie Feuerstein ausgemalt. Visuell kärger, wenn auch mindestens so fantastisch, geht es in Jörg Buttgereits Horrortrilogie Monsters of Arthouse zu. Hier wird dem Ohr ein Riesenschmaus geboten: Basis aller drei Stücke sind Theateraufführungen von Hörspielen, wobei neben den Schauspielern/Sprechern auch Geräuschemacher Dieter Hebben ins Bild kommt – wenn er etwa mit dem Durchsägen einer Lauchstange eine Kastration illustriert.

Eine gewisse Affinität zum Trashkino der Siebziger sollte man also mitbringen, wenn Buttgereit am Samstag im Lichtblick-Kino seine neue DVD vorstellt. Geboten wird ein 180-Minuten-Programm, das vom nachgespielten Monsterfilm („Green Frankenstein“) über Sexploitation („Sexmonster!“) bis Kannibalismus („Video Nasty“) reicht. Für ihre intelligente Intensität wurden die Aufführungen in Dortmund und am HAU gefeiert. Jetzt holt die von Thilo Gosejohann klug in Szene gesetzte Verfilmung die Zombies wieder dorthin zurück, von wo sie kommen: ins Kino. Oder ist’s doch nur beschichtetes Polycarbonat?

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