CITY Lights : Mutter der Nation

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Kaum hat das Zeughauskino seine Reihe über Suffragetten abgeschlossen, da liefert es, schöner Kontrast, eine Hommage an Henny Porten (1890–1960), die in fast jeder ihrer Rollen ein Kind auf dem Arm hielt, am Herd stand oder den Fußboden schrubbte. Henny Porten bildete mit Asta Nielsen ein ähnliches Paar wie Mary Pickford mit Theda Bara in Hollywood. Auch sie war die Heilige als Gegenfigur zur Sünderin – und man muss es dem deutschen Kino hoch anrechnen, dass es diesen Gegensatz nicht ganz so plump ausgespielt hat. Doch ob Hollywood oder Babelsberg: Die Heilige befand sich im Nachteil. Brach sie aus ihrer Rolle aus, bestrafte das Publikum sie prompt mit Liebesentzug.

Henny Porten hat das mehr als einmal erlebt. Als Produzentin ihrer eigenen Filme ging ihr das besonders nahe, denn sie hat sich von keinem Manager führen lassen und kontrollierte auch selbst die Buchhaltung. Im Leben eine tatkräftige und unbequeme Frau, die sich mit ihren Regisseuren anlegte, stapelte sie auf der Leinwand grundsätzlich tief – damit auch die Putzfrau sich mit ihr identifizieren konnte. Über diese erste Mutter der Nation entzückte sich der Kritiker Kurt Pinthus folgendermaßen: „Man mache sie zum Reichspräsidenten! Wie würde diese Wahl als Symbol der Friedfertigkeit des deutschen Volkes über alle Völker dieser Erde leuchten!“

Sie hatte es, im Gegenteil, dann tatsächlich zeitlebens schwer. Wegen ihres jüdischen Ehemannes musste sie in der NS-Zeit hart um ihre wenigen Hauptrollen kämpfen. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges arbeitete sie für die Defa und galt deshalb in Westdeutschland als politisch suspekt. Und Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde ihre Lebensleistung erneut angegriffen, diesmal von der feministischen Filmwissenschaft, die ihr ein reaktionäres Frauenbild vorwarf. Doch wie immer man zu ihr stehen mag: Henny Porten ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Filmgeschichte, und in abgewandelter Form hat sich ihr Rollentypus zudem sogar gehalten. Zu ihren Nachfolgerinnen gehören Veronica Ferres und Christine Neubauer.

Ihr erster Film von 1906 ist noch erhalten: Er heißt Meißner Porzellan, dauert nur vier Minuten, wurde von ihrem Vater Franz Porten inszeniert und zeigt sie in Männerkleidung, als Rokoko-Kavalier an der Seite ihrer älteren Schwester Rosa (Mittwoch). Bei Das Opfer der Yella Rogesius und Wandas Trick (ebenfalls Mittwoch) hat Rosa Porten unter dem Pseudonym Dr. R. Portegg Regie geführt, doch das Frauenbild erscheint nicht gerade progressiv: In beiden Filmen setzt die Heldin alle Hebel in Bewegung, um das Vermögen ihres Mannes zu retten. Sie ist viel intelligenter und aktiver als er, gibt ihm aber trotzdem das Gefühl, der Stärkere zu sein.

Während des Ersten Weltkriegs wurden Rührstücke wie Liebe und Leidenschaft oder Die Heimkehr des Odysseus (jeweils Sonntag) gebraucht, und während des Zweiten Weltkriegs schon wieder. Die Filmwissenschaftlerin Heide Schlüpmann erkannte in diesem Zusammenhang „faschistische Trugbilder weiblicher Autonomie“. Tatsächlich: Henny Porten gab die starke Frau, die den Platz des Mannes einnimmt, solange er krank ist oder an der Front kämpft. Aber sobald er es verlangt, gibt sie diesen Platz wieder auf.

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