CITY Lights : Neue Freiheit

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Die frostigen Nächte derzeit locken einen nicht gerade nach draußen. Doch offiziell ist die Freiluftsaison eröffnet, wie üblich zuerst im Kreuzberger Bethanien mit den Highlights der letzten Saison. Am heutigen Mittwochabend gibt es mit Jean Dujardins Oscar-Sieger The Artist ein in Idee und Ausführung hübsches Exemplar. Für Puristen verhält sich das Retro-Melodram zum echten Stummfilm jedoch eher wie ein fabrikneuer Beetle-Cabrio zum knatternden Brezelkäfer-Original. Wer also echt altes Kino sehen möchte (und dazu im Trockenen sitzen), sollte sich am Donnerstag in die Sammlung Scharf-Gerstenberg bequemen, wo die zweite Folge einer Reihe mit Louis Feuillades Les Vampires gegeben wird: Eine Kriminalserie aus den 1910er Jahren mit der betörenden Musidora als Einbrecherkönigin Irma Vep, die im schwarzen Ganzkörpertrikot Pariser Dächer beturnt. Vielleicht auch wegen des nach heutigen Begriffen unübersichtlich überkomplexen Plots wurde das Stück damals von den Surrealisten verehrt. Fast 100 Jahre später machen die vielen Originalschauplätze die „Vampire“ auch zu einer erhellenden Zeitreise ins Paris des Ersten Weltkriegs.

Rare Kinoperlen (und nie auf DVD erschienen!) sind auch die Filme der beiden Kluge-Schüler Reinhard Kahn und Michel Leiner, die die Berliner Filmemacherin Bärbel Freund am Montag im Arsenal vorstellt. Platzwunder (1984) und Rücke vor auf: Frühlingsmorgen (1989) zeigen in musikalisch beschwingter Anmut die beglückende Freiheit eines Kinos, das – verspielt und todernst – ohne Blick auf Verwertungsnöte ganz bei sich und doch ganz von dieser Welt ist. Oder, wie es im letzten Viennale-Katalog hieß: „Man kommt schöner und weiser aus ihren Werken – von wie vielen Filmemachern lässt sich das schon behaupten?“

Um den schmalen Pfad leidvoll vorgezeichneter Lebensentwürfe geht es bei einem Film, der nächsten Mittwoch in der Volksbühne Premiere feiert. Meine Freiheit, deine Freiheit heißt die Dokumentation von Diana Näcke: Zwei junge Frauen landen nach unbehauster Kindheit in einer Berliner Haftanstalt. Ihren Versuchen, das Leben draußen zu bewältigen, folgen fast zwanghaft neue Abstürze. Ein aufhaltsamer Weg nach unten – eigener Schwäche und Drogensüchten geschuldet, gefördert von der behördlichen Unfähigkeit, mehr als Gefängnisroutine mit auf den Weg zu geben.

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