CITY Lights : Nicht der Film ist pervers ...

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Der Roman „Wasser für die Elefanten“, dessen Verfilmung heute in die Kinos kommt (siehe nebenstehende Kritik), ist von einer wahren Geschichte inspiriert: Die Elefantendame und Zirkusattraktion Topsy muss unvorstellbare Grausamkeiten ertragen, bevor sie sich zur Wehr setzt und drei ihrer Peiniger tötet. Leider gab es keinen Robert Pattinson, der sie verteidigte – nur einen Thomas Edison, der eine effiziente Hinrichtungsmethode vorschlug und die Prozedur mit der Kamera festhielt. Das Ergebnis, „Electrocuting an Elephant“ (1903), war der wohl erste Snuff-Movie.

Offiziell wurde der Begriff („to snuff out“ heißt so viel wie „auslöschen“) erst 1976, als der Produzent Allan Shackleton für seinen Film Snuff (Montag im Babylon Mitte) mit einer echten Tötung vor laufender Kamera warb. Ein bereits 1971 in Argentinien zusammengepfuschtes Filmchen über Satanisten, kiffende Bikergirls und Nazis hatte er mit einem Epilog versehen, in dem ein Scriptgirl von den Männern ihres Drehteams erstochen und verstümmelt wird. „Ein Film, wie man ihn nur in Südamerika drehen konnte – wo das Leben billig ist!“, lautete der Slogan.

Shackleton organisierte Protestaktionen gegen seinen eigenen Film und wurde tatkräftig von der US-Frauenbewegung unterstützt, die neue Argumente für ihren Kampf gegen Pornografie sah. Niemand scheint sich an der dilettantischen Machart der Mordszene gestört zu haben, dem schlecht aufgemalten „Blut“, den fehlerhaften Anschlüssen. Diese Tötung war nicht echt. Das ist allerdings kein Grund zur Beruhigung. Mal abgesehen davon, dass es wirklich Mörder gibt, die ihre Taten dokumentieren: In diesem besonderen Fall erschreckt der Umstand, dass Leute für einen grottenschlechten Film Eintritt zahlten, nur um eine junge Frau sterben zu sehen. Nicht der Film war pervers, sondern sein Publikum. Heute kann man ihn nur deshalb empfehlen, weil es sich erwiesenermaßen um Pseudo-Snuff handelt.

Dass man primitiv und zugleich professionell sein kann, hat Samuel Fuller eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Gefühle, Dialoge und Dekorationen reduzierte er auf ein Minimum. Primitiv, das bedeutet bei Fuller nicht dumm, sondern hart und direkt. Sein Western Vierzig Gewehre (Sonntag im Arsenal) mit Barbara Stanwyck als mächtige Viehbaronin sollte erst „Die Frau mit der Peitsche“ heißen. Der Film von 1957 ist ein starkes Stück, in Schwarz-Weiß und Cinemascope. „Sie wirken verärgert“, sagt der Sheriff. Stanwycks Antwort: „Ich bin verärgert zur Welt gekommen!“

Diesen Frauentypus sucht man im deutschen Kino vergebens. Vom Kaiserreich bis zur Gegenwart gibt es die starke Frau immer nur als Dame, nie als Furie. Die Heldin des wohl ersten deutschen Frauengefängnisfilms Mädchen hinter Gittern (1949) wird zwar wegen der Beteiligung an einem Raubmord verurteilt, doch sie erweist sich als unschuldig und schutzbedürftig (Montag in den Eva-Lichtspielen). Statt weibliche Unangepasstheit zu zelebrieren, selbst wenn sie sich in kriminellen Handlungen äußert, betont der Film die Reformierbarkeit seiner Protagonistin. Für eine Rebellin war in der jungen Bundesrepublik kein Platz.

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