CITY Lights : Nudelholz und Tafelsilber

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Wollen die Menschen wirklich den Frieden? Diese Frage stellt sich, wenn man das Verhältnis der Geschlechter zwischen 1919 und 1939 untersucht. Es war selten so kriegerisch. Ausgerechnet in jenen Jahren, in denen man endlich dem Pazifismus huldigen durfte und sogar Diktatoren friedliche Absichten behaupteten, warfen sich Männer und Frauen fortwährend harte Gegenstände an den Kopf, oft in Komödien.

Die starken, aggressiven Frauen des Hollywoodkinos wie Katharine Hepburn und Bette Davis sind Produkte dieser Zwischenkriegszeit, ebenso die Fliegerin Amelia Earhart, der soeben eine neue filmische Biografie gewidmet wurde. Und auch Anny Ondra, auf den ersten Blick ein hübsches blondes Dummchen, erwies sich als durchtriebene Komikerin, die die Männer das Fürchten lehrt und gleich darauf mit ihrem Charme zum Schweigen bringt. Sie war auch privat unabhängig und ihre eigene Produzentin. Alfred Hitchcock drehte mehrere Filme mit ihr. Unter ihrem bevorzugten Regisseur Carl Lamac entwickelte Ondra eine eigene Form der Androgynität: Sie war nicht Mann und Frau, sondern Mädchen und Junge, oder besser: Baby, so der Titel einer französisch-deutschen Co-Produktion aus dem Jahr 1932 (Mittwoch in den Eva-Lichtspielen). Dieses Baby sorgt als Revuegirl für Chaos, tritt anderen Tänzerinnen in den Hintern oder reißt Stangen aus der Wand. Die Darstellerin, Ehefrau von Max Schmeling, zog sich Ende der dreißiger Jahre vom Kino zurück. Als germanisierte Tschechin hatte Anna Sophie Ondrakova in den Augen der Nazis eine prekäre Herkunft. Und das war bald nicht mehr lustig.

Ein Massaker an unbewaffneten Demonstranten, zu Friedenszeiten mitten in einer westeuropäischen Metropole? Undenkbar, aber wahr. In Paris demonstrierten 1961 mehrere hundert Algerier für die Unabhängigkeit ihrer Heimat. Offiziell starben drei von ihnen bei Auseinandersetzungen mit der Polizei; mittlerweile wird von über 200 Toten gesprochen – und von Leichen, die in der Seine schwammen. Zuvor waren rund 30 französische Polizisten bei Terroranschlägen getötet worden; für derlei Vergeltungsmaßnahmen zu Friedenszeiten ist das freilich keine Entschuldigung.

Die Aufarbeitung erfolgte spät. Der Fernsehregisseur Alain Tasma versuchte mit Nuit noire, 17 octobre 1961 die Vorfälle zu rekonstruieren (Sonnabend im Zeughauskino). Sehr spät ist auch der für das Massaker verantwortliche Polizeipräfekt Maurice Papon zur Verantwortung gezogen worden, allerdings für ein früheres Verbrechen: die Deportation französischer Juden. Aus Altersgründen musste er die Strafe nicht absitzen und starb 2007 mit 96 Jahren.

Wer als DDR-Bürger durch verbotene Zonen reiste, der wusste immerhin, worauf er sich einließ. Ohne offizielle Einladung oder den „Schutz“ einer Reisegruppe konnte man nicht mal eben die sozialistischen Bruderländer besuchen. Ein paar Abenteuerlustige wagten es dennoch, tricksten die Geheimdienste aus und gelangten bis nach Sibirien. Zu diesem exotischen Thema gibt es am Sonntag ein Sonderprogramm im Zeughauskino. Cornelia Klauß’ Unerkannt durch Freundesland und zwei weitere Kurzfilme ergänzen eine Diskussion, die die Regisseurin mit dem Historiker Christian Halbrock, dem Publizisten Christian Hufen und dem Zeitzeugen Carlo Jordan führt. Unterstützt wird die Veranstaltung von der Robert-Havemann-Gesellschaft.

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