CITY Lights : Pillen und Puppen

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Besser eine kleine Feier als gar keine. Trotzdem erstaunlich, warum die Berliner Kinos den 75. Geburtstag von Ula Stöckl mit so wenig Aufwand feiern. Das Moviemento zeigt am Dienstag einen ihrer Filme, gefolgt von einer Diskussion, an der sie persönlich teilnehmen wird. Und das war’s dann auch schon. Dabei hätte sie eine eigene Retrospektive verdient. Und nicht nur sie: Das gesamte radikalfeministische Kino der sozialliberalen Ära verdient eine Wiederentdeckung. Vielleicht holen die Filmtheater das ja nach, wenn Stöckls 80. Geburtstag ansteht. Der am Dienstag vorgeführte Film, Der Schlaf der Vernunft (1984), handelt von einer Frauenärztin: Sie forscht über die Nebenwirkungen der Pille und legt sich mit einem mächtigen Pharmakonzern an. Obwohl sie für dieses Drama ein halbes Dutzend Preise entgegennehmen konnte, war Stöckls Karriere als Filmemacherin danach beendet. Umso begehrter war sie allerdings als Dozentin an internationalen Universitäten.

Kein Feminist, sondern ein lustvoller Sexist war Rolf Olsen, der sich Titel wie „Das Rasthaus der grausamen Puppen“ und „Das Go-Go-Girl vom Blow-up“ ausgedacht hat. Er war der deutsche Tarantino, noch bevor sein US-Pendant geboren wurde. Sein Markenzeichen: witzige Sprüche inmitten blutiger Schießereien. Selten flogen die Fetzen so heftig wie in Blutiger Freitag (1972), den das Zeughauskino passenderweise am Freitag zeigt. Wenn der entflohene Sträfling Raimund Harmstorf um sich ballert, scheinen die Menschen zu explodieren. Besonders bizarr hat Olsen den Tod von Harmstorfs Komplizin inszeniert: Der tapferen Darstellerin wurde kein roter Farbbeutel, sondern ein Gürtel mit Schwarzpulver um den Oberkörper gewickelt. Und das explodiert tatsächlich.

Ganz ohne Gags kommt Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre (1974) aus. Der Splatter-Kultfilm ist von der ersten bis zur letzten Sekunde unerbittlich ernst, ohne einen Funken Hoffnung oder ironische Distanz (Freitag im Eiszeit). Kalt und unbeteiligt zeigt Hooper, wie fünf Tramper an Kannibalen geraten, die nicht sofort zubeißen, sondern das Fleisch ihrer Opfer sorgfältig verarbeiten. Die schlimmsten Verstümmelungen werden nur angedeutet – gerade das macht sie unerträglich.

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