CITY Lights : Pippi Blaustrumpf

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Im digitalen Zeitalter sind Korrekturen der Tonspur problemlos machbar. Beim Zelluloid ist das noch anders. Und so dürfte der kürzlich nach allerlei Debatten aus den Pippi-Langstrumpf-Büchern getilgte „Negerkönig“ im deutschen Synchronton von Pippi geht von Bord noch so lebendig sein wie vor 44 Jahren. Welch herrliche Vorlage zu medientheoretischen Hochgestochenheiten! Der praktische Umgang von Kindern und Eltern mit solchen Widersprüchen dagegen lässt sich Sonnabendnachmittag empirisch im Lichtblick überprüfen, wo der mittlerweile etwas betagt anmutende Film von Olle Hellbom zu sehen ist. Der Schauspieler Beppe Wolgers übrigens, der Papa Langstrumpf als schmerbäuchigen Grobian von Kapitäns-König spielt, war im echten Leben Kinderbuchautor wie Astrid Lindgren – und Komponist.

Am Sonntagnachmittag gibt es am selben Ort eine der ersten Hollywood-Produktionen, in der schwarze und weiße Darsteller gleichberechtigt miteinander agierten – wenn viele Episoden der Kinderserie „Our Gang“ auch keineswegs von rassistischen Stereotypen frei waren. Dass der kleine Allen Hoskins in einer „Rockrolle“ das süße Mädel mimen musste, hätte man einem weißen Knaben wohl kaum zugemutet. So anarchisch es auch zugehen mag: Im Unterschied zu Pippis alternativer Kleinfamilie haben in der Gang aus den Hal-Roach-Studios die Jungs das Sagen. Doch lustvoll mit Schurken und Autoritäten gerungen wird auch hier. Viele schon etwas reifere Jahrgänge kennen die Racker noch aus ihrer Kindheit, wo sie ab 1967 im ZDF als „kleine Strolche“ den Sonntag versüßten. Seit 2002 zeigte der Kinderkanal spätere Tonfilme der Serie aus den 30er Jahren, allerdings in pädagogisch gesäuberter Version. Wie schön, dass nun unter dem klassischen Titel Die kleinen Strolche (Regie: Robert F. McGowan) sieben Episoden der besonders wilden frühen Jahre 1922 bis 1928 nicht nur unzensiert, sondern auch in einer echten 35-mm-Kopie auf die Leinwand kommen.

„Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“, hatte die oft als Proto-Feministin gefeierte Pippi gesungen und dabei – zur Erholung zwischen den großen Abenteuern – im Garten der Villa Kunterbunt auch das gute alte Kaffeekränzchen neu definiert. „Counterplanning from the Kitchen“ nennt das Kreuzberger Moviemento passend eine Reihe, die noch bis Dezember dienstags mit Film und Diskussion aktuelle feministische Praxis debattieren will. Diese Woche steht The Watermelon Woman von Cheryl Dunye auf dem Programm, der sich auf kluge und amüsante Art an die Erkundung afro-amerikanisch lesbischer Identität und weiblich schwarzer Filmgeschichte machte. Dass Selbstironie dabei nicht nur am Rande mitspielt, zeigt schon der Titel des Spielfilms, der nicht nur von Herbie Hancocks „Watermelon Man“ inspiriert ist, sondern mit der Lust auf diese Kürbisfrucht auch ein uraltes Klischee im öffentlichen Bild der Sklaven und ihrer Nachfahren zitiert.

Während der Film 1996 auf der Berlinale den schwul-lesbischen Filmpreis Teddy erhielt, gab es in den USA einigen Negativwirbel: Konservative Stimmen aus Presse und Politik verlangten wegen einer freizügigen lesbischen Sexszene die 31 500 Dollar Förderung durch das National Endowment for the Arts zurück. Zum Glück ohne Erfolg!

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