CITY Lights : Pöbel und Politik

von

Es vergeht kaum ein Monat, ohne dass an die vielen Künstler erinnert wird, die 1933 Deutschland verlassen mussten. Dabei entsteht oft der Eindruck einer Pflichtübung. Die hoch geschätzten Exilkünstler werden aufgelistet, aber ihre ausführliche Würdigung bleibt aus. Zudem werden sie ganz auf ihren Opferstatus reduziert, als sei ihr Leiden wichtiger als ihre Leistungen. Gegen diesen Missstand helfen nur Filmvorführungen. Erst wenn man die vertriebenen Stars auf der Leinwand sieht, spürt man den Verlust, den die deutsche Kultur erlitten hat.

Die knabenhafte Dolly Haas war eine Ausnahmeerscheinung unter denen, die ins Exil getrieben wurden. Sie, die später den Karikaturisten Al Hirschfeld heiratete und 1983 auf der Berlinale mit einer Retrospektive geehrt wurde, war weder Jüdin noch mit einem Juden verheiratet, auch war sie keine Kommunistin, und auf sie direkt übten die neuen Machthaber keinen Druck aus. Aber sie hat eine der hässlichsten Filmpremieren jener Jahre miterlebt. Das hässliche Mädchen wurde am 8. September 1933 in Berlin uraufgeführt. Als Dolly Haas und ihr Partner Max Hansen nach der Vorführung auf die Bühne traten und sich verbeugten, erklangen wüste antisemitische Beschimpfungen, die sich gegen Hansen richteten, und es flogen Eier und Tomaten. Der Schock war umso größer, als der Film niemanden provozieren wollte; er gehörte zum Genre der Bürokomödie, die sich in der ausgehenden Weimarer Republik großer Beliebtheit erfreute (Mittwoch in den Eva-Lichtspielen). Der jüdische Regisseur Hermann Kosterlitz ist im Vorspann erst gar nicht erwähnt worden. Otto Wallburg, der rundliche Komiker, der Dolly Haas’ Bürodirektor verkörperte, blieb zunächst von Angriffen verschont. Der Volksschauspieler konnte noch ein paar Monate mit einer Sondergenehmigung weiterarbeiten, fand immer wieder Freiräume, in denen die NS-Rassegesetzte ignoriert wurden. Dann musste er nach Wien fliehen und von dort nach Amsterdam; seine letzten Stationen hießen Westerbork und Auschwitz. Immerhin hat er eine angemessene Würdigung erfahren: Das stärkste Kapitel von Ulrich Liebes Standardwerk „Verehrt, verfolgt, vergessen“ ist ihm gewidmet. Seine letzten Stationen sind, dank eines regen Briefwechsels mit seinem Sohn, erstaunlich gut dokumentiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar