CITY Lights : Prinzessinnen werden überschätzt

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Für kurze Zeit hatte der Arabische Frühling auch eine Filmfrau an die Macht gebracht: Die tunesische Regisseurin Moufida Tlatli, die mit „Das Schweigen des Palastes“ 1994 einen Filmklassiker weiblicher Befreiung schuf, wurde im Januar 2011 Kulturministerin der tunesischen Übergangsregierung. Im Amt war sie aber nur zehn Tage, bevor die Eigendynamik des Umbruchs auch diese Regierung hinwegfegte. Und für Frauenrechte sieht es in Tunesien heute gar nicht mehr gut aus. Mit dem eher westlich geprägten Motiv des Aufbruchs vom Serail in die Bühnenöffentlichkeit war Tlatlis Film vermutlich auch die Antwort auf eine anders geartete feministische Utopie, die die marokkanische Regisseurin Farida Benlyazid in Une porte sur le ciel 1988 entworfen hatte: Deren Heldin, scheinbar emanzipiert in Frankreich lebend, ging damals fast den umgekehrten Weg vom westlichen Migrantendasein in eine Gemeinschaft, die islamischen Glauben und weibliche Souveränität gemeinsam leben will: Dafür wird der väterliche Palast in alter Haremstradition in einen Ort zwischen Frauenwohnhaus und sufistischem Kloster umgewandelt. Der ungewöhnlich eigenständige und in seiner Opulenz höchst sehenswerte Entwurf weiblicharabischen Kinos wird am Mittwoch im Rahmen des arabischen Alfilm-Festivals im Eiszeit gezeigt.

Wie unterschiedlich weibliche Widerständigkeit aussehen kann, zeigt der 20 Jahre ältere und wundersam zeitlose Film, der die Tschechin Vera Chytilová in den cineastischen Ehrenhimmel katapultierte. Tausendschönchen (Freitag und Sonntag im Zeughaus-Kino) nutzte das 1966 nicht nur im Osten noch unverbrauchte Motiv des „bad girls“ in spielerischer Verdoppelung zu surrealistischen Kapriolen. Und als Sittengemälde sozialistischer Spießigkeiten und anarchistischer Befreiungsschlag zwischen Tortenschlachten, Völlerei und Männermord zeigt der Film auch, dass gleicher Lohn und Fortbildungschancen zur Emanzipation nicht reichen. Dabei funktioniert dieses – als einziger Film der tschechischen Neuen Welle ästhetisch mit der westeuropäischen Avantgarde ebenbürtige – Werk zugleich bereits als satirische feministische Kritik am Frauenbild von Godard und Kumpanen.

„Kein Märchen“ lautet der deutsche Untertitel von „Tausendschönchen“. Dass man es im real existierenden Sozialismus mit den Frauenrechten immer noch besser meinte als in Hollywood, lässt sich an den Defa-Märchenfilmen sehen, in denen es von emanzipierten Frauen nur so wimmelt. So wurde auch Das tapfere Schneiderlein (1956, Regie: Helmut Spieß) von dem dafür eingesetzten Defa-Autor Kurt Bortfeldt sozial- und vermählungspolitisch reformiert und das Schneiderlein nicht mit der Prinzessin, sondern der Gärtnerstochter verheiratet, und König und Hofschranzen werden davongejagt. Für diese Attacke auf die Brüder Grimm sowie die Monarchie landete der Film – wohl einer der bizarrsten Zensurfälle der westdeutschen Filmgeschichte – für ein Jahr auf der Verbotsliste des für die kulturellen Ost-West-Beziehungen zuständigen Interministeriellen Ausschusses. Zu den Berliner Märchentagen (mit Grimm-Jubiläum) kommt „Das tapfere Schneiderlein“ am Sonnabend just in jenem Kino wieder auf die Leinwand, wo es im Herbst 1956 Premiere feierte: dem Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz.

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