CITY Lights : Rache ist gesund

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Als Sigmund Freud von der Ufa das Angebot erhielt, an einem psychoanalytischen Film mitzuwirken, lehnte er ab. Seinem Kollegen Sándor Ferenczi schrieb er am 14. August 1925: „Die Verfilmung lässt sich sowenig vermeiden wie der Bubikopf, aber ich lasse mir selbst keinen schneiden und will auch mit keinem Film in persönliche Verbindung gebracht werden.“ Heute ist es völlig normal, dass in psychoanalytischen Fachzeitschriften Filmtexte erscheinen; wer gern analysiert, fühlt sich zu beiden Disziplinen hingezogen. Das verdeutlicht eine Buchpräsentation am Sonnabend im Arsenal: Veronika Rall untersucht anhand ihres Buches „Kinoanalyse“ (Schüren, 474 Seiten, 29,90 €) die psychoanalytische Filmtheorie der siebziger und achtziger Jahre.

Im Anschluss wird mit Joseph L. Mankiewicz’ Suddenly, Last Summer (1959) ein Klassiker des Therapiefilms gezeigt. Elizabeth Taylor spielt eine ähnliche Figur wie Keira Knightley in David Cronenbergs neuem Film „Eine dunkle Begierde“: eine schöne, leidenschaftliche Frau, die wegen hysterischer Anfälle in einem Sanatorium landet und dort zu ihrem Glück an einen gesprächsbereiten Therapeuten gerät. Als Alternative droht ihr eine Lobotomie, die Durchtrennung von Nervenbahnen im Gehirn. Diese Form der Ruhigstellung erscheint heute wie ein bloßes Horrorfilmelement, war aber in den USA lange erlaubt. Noch mehr Gänsehaut erzeugt die Dokumentation Die Geschlechtskrankheiten und ihre Folgen (Montag im Arsenal), ein 1919 produzierter eugenischer Propagandafilm.

Robert Mitchum hat bestimmt nie auf der Couch eines Therapeuten gelegen. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. „Giant of Cool“ hat der im Mai verstorbene Filmjournalist Michael Althen den Star einmal genannt, und so heißt nun auch die kleine Mitchum-Reihe im Arsenal. Besonders sehenswert ist J. Lee Thompsons Thriller Cape Fear (Sonnabend): Ein Schwerverbrecher rächt sich an dem Staatsanwalt, der ihn hinter Gitter gebracht hat. Für Martin Scorseses Remake musste sich Robert de Niro einen hasserfüllten Gesichtsausdruck zulegen. Im Original von 1962 ist Mitchum entspannt wie immer und gerade deshalb furchterregend.

Subtil rächte sich Klaus Mann in seinem Schlüsselroman „Mephisto“, einer Abrechnung mit dem Ex-Schwager Gustaf Gründgens. Der hatte 1933 die Staatlichen Bühnen Berlins übernommen, statt der Familie Thomas Manns ins Exil zu folgen. Gründgens reagierte mit einem Schlüsselfilm: Friedemann Bach (1941) erzählt die Tragödie des mittelmäßig begabten Sohnes von Johann Sebastian Bach (Mittwoch, Eva-Lichtspiele). Analytiker werden an dem Film ihre Freude haben.

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