CITY Lights : Rauch und Revolte

Silvia hallensleben

Wie ist das, wenn einem eines Tages die eigene Familiengeschichte als Spielfilmplot gegenübertritt, privateste Erzählungen und Mythen in der Schauspielkunst von Hollywoodstars melodramatisch überhöht? Dem amerikanischen Filmemacher Ross Mc Elwee ging es so, als ihm sein Cousin den Film „Bright Leaf“ von Michael Curtiz zeigte. Dort spielt Gary Cooper einen tragisch untergegangenen Tabakmagnaten, der von seinem Konkurrenten mit allen Mitteln der Geschäftskunst vernichtet wurde. Genauso war es Urgroßvater John McElwee vor über 100 Jahren ergangen, heute ist er fast vergessen, von Gegenspieler Duke dagegen kündigen Museen und Universitäten der Tabakregion um Durham, North Carolina, die der Urenkel für den Film besucht.

Regisseur Ross McElwee verbindet familiäre Erinnerung, visuelle Impressionen und ethnografische Recherche zu einer persönlichen Reflexion über Tabakindustrie und filmische Repräsentation, Verantwortung und ökonomischen Wandel. Dabei ist Bright Leaves durchaus ein Film, der zur Abkehr vom Nikotin motivieren könnte. Er birgt die beruhigende Erkenntnis, dass das echte Leben doch anders funktioniert als Hollywood. McElwee, der derzeit als Gastdozent an der DFFB unterrichtet, zeigt seinen Film erstmals in Berlin (Montag im Arsenal).

Auch in Woody Allens Komödie Annie Hall ist das Rauchen Thema: Doch nicht Tabak wird gepafft, sondern Marihuana, das die verhuschte Annie benötigt, um beim Sex bei sich selbst zu sein. Ob Diane Keaton damals inhaliert hat? Dass Woody Allen selbst so drogenabstinent wie seine Filmfigur lebte, würde ins Charakterbild passen. Allens filmische Liebeserklärung an die Partnerin spielt offensiv mit autobiografischen Elementen. Schon der Originaltitel ist die direkte Aneignung von Keatons bürgerlichem Namen. Diese Titelwahl war allerdings nicht Allens Idee, er selbst wollte das Stück eigentlich nach der Seelenstörung „Anhedonia“ benennen, was den oft kritisierten deutschen Verleihtitel „Der Stadtneurotiker“ wenigstens teilweise rehabilitieren dürfte. Zum auch im Tagesspiegel ausführlich gewürdigten 75. Geburtstag des Regisseurs läuft seine Komödie in der OmU-Fassung (Sonntag und Mittwoch im Lichtblick-Kino).

Bei Allen ist die melodramatische Dramaturgie einer weit geöffneten spielerischen Form gewichen, einmal erscheint Marshall McLuhan höchstpersönlich am Set, um einen Claqueur zurechtzuweisen. In solchem Sinn post-allenesk ist der Plot von Jorge Alí Trianas Film Bolívar soy yo! (2002, Freitag im Zeughaus-Kino), der einen mit dem historisch verfälschenden Drehbuch unzufriedenen Bolivar-Darsteller aus einer Telenovela in die kolumbianische Wirklichkeit schickt, um das Werk des Befreiers zu vollenden.

Der Film ist Teil einer von Lateinamerika-Institut-Studenten kuratierten Filmreihe, die sich im Zeughaus-Kino anlässlich des sogenannten Bicentenario kritisch mit den südamerikanischen Befreiungs-Mythen auseinandersetzt. Am Sonnabend gibt es dort als besonderes Schaustück den Stummfilm El húsar de la muerte (1925) von Pedro Sienna, der die hochgradig aufgeladenen Volksmythen um den chilenischen Freiheitskämpfer und Frauenhelden Manuel Rodriguez zu einem avantgardistischen Historienwerk verarbeitet. Eine Kostbarkeit der chilenischen Filmgeschichte.

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