Kultur : City Lights: Retrospektiven im Arsenal

Frank Noack

Der Dokumentarfilm "Escape to Life" über die Geschwister Erika und Klaus Mann, der am 5. April ins Kino kommt, macht mit mehreren Ausschnitten auf einen Klassiker neugierig, der viel zitiert und zu selten gezeigt wird: Mädchen in Uniform (1931), die Verfilmung von Christa Winsloes Bühnenstück, bei der Leontine Sagan unter der künstlerischen Leitung von Carl Froelich Regie führte. Erika Mann spielt zwar nur eine Nebenrolle, aber wenn sie ebenso dominant wie liebevoll ihre Mitschülerinnen herumkommandiert, ist das unvergesslich - und man kann sich lebhaft vorstellen, wie energisch Erika Mann später die Angelegenheiten ihres Vaters Thomas geregelt hat. Sonst aber gibt es in diesem Film wenig zu lachen. Die Schwärmerei der Internatsschülerin Manuela (Hertha Thiele) für ihre Lehrerin Frau von Bernburg (Dorothea Wieck) führt beinahe zu einer Katastrophe. "Mädchen in Uniform" hat Maßstäbe gesetzt: mit seiner einfühlsamen Darstellung lesbischer Liebe, mit seiner Kritik am preußischen Drill, mit seinem für damalige Verhältnisse sehr sparsamen Einsatz des Tons. Trotz seiner leisen Töne wurde der Film ein Welterfolg, die "New York Times" setzte ihn auf den ersten Platz ihrer Ten-Best-Liste, und Dorothea Wieck war eine kurze Hollywoodkarriere beschieden (14. und 15. März, Arsenal).

Als Artur Brauner 1958 ein harmloses Remake von "Mädchen in Uniform" produzierte, sorgte ein Mädchen von ganz anderer Art für Aufsehen - Das Mädchen Rosemarie, Rolf Thieles Porträt der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt, deren ungeklärte Ermordung einen Politskandal ausgelöst hatte. Das Mordmotiv lag auf der Hand: Nitribitt war nebenbei auch eine Erpresserin, die ihre Schäferstündchen mit prominenten Freiern auf Tonband festhielt. Das Bonner Auswärtige Amt unternahm alles Erdenkliche, um die Präsentation der von Erich Kuby geschriebenen Politsatire in Venedig zu verhindern. Ohne Erfolg. Thiele und Kuby konnten sich auf Fakten berufen, nannten andererseits keine Namen und hatten schließlich das Publikum auf ihrer Seite. Die hinreißende Nadja Tiller wurde zu einem Sexsymbol für Intellektuelle. Und der Kapitalismus bewies, dass ihm Kapitalismuskritik nichts mehr anhaben konnte (13. März, Arsenal).

Nicht überall war die junge Bundesrepublik zur Selbstkritik fähig. Das zeigt der Umgang mit Wolfgang Staudtes Heinrich-Mann-Adaption Der Untertan (1951). "Der Untertan" kritisiert genauso wie "Mädchen in Uniform" das Preußentum, nur regiert hier eine ungehemmte Angriffslust. Der karrieregeile Spießer Diederich Hessling (Werner Peters) lebt zwar in der Wilhelminischen Ära, ist jedoch eine zeitlose Figur. Manchmal misstraut Staudte seinem Publikum zu sehr, dann forciert er etwa Parallelen zu Adolf Hitler - doch der Schwung, mit dem er sein Sittenbild inszeniert hat, versöhnt mit kleineren Schwächen. Aus heutiger Sicht wirkt der Film wie ein gesamtdeutscher Klassiker, da auch West-Künstler wie Werner Peters, Blandine Ebinger und Paul Esser zu sehen sind. Aber erst 1957, durch internationale Erfolge unter Druck gesetzt, brachten West-Kinobetreiber eine verstümmelte, von Preußenkritik gereinigte Fassung der DEFA-Produktion heraus. Das Arsenal zeigt selbstverständlich das Original (11. und 12. März).

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