Kultur : City Lights: Retrospektiven

Silvia Hallensleben

Lange schon, bevor New Media- und Internet-Firmen begannen, brachliegende Fabrikanlagen zu prunkenden Lofts hochzurüsten, wurden die Hinterlassenschaften verstorbener oder weitergezogener Industrie-Branchen von findigen Nachfolgern zum Eigenbedarf recycelt. So wurde schon 1920 in Berlin-Johannisthal eine Flugzeugwerft von der boomenden Filmproduktion übernommen. Drei Jahre später wurde aus einer Staakener Luftschiffhalle das größte Filmatelier der Welt. Mit fast 30 Metern doppelt so hoch wie alles Dagewesene, wurde darin ein Rundhorizont errichtet, der dem Zuschauerblick unendliche Himmelsweiten suggeriert. 1923 wurde die Produktionsstätte mit Robert Wienes I.N.R.I. eingeweiht, einer monumentalen Verfilmung der Passionsgeschichte. Allein für die Bergpredigt ließ Wiene 2000 Statisten auf einem aus Brettern und Sand zusammengekarrten Berg vor dem Sphärenrund zusammentreiben. Doch auch die Besetzung mit den Antagonistinnen Henny Porten und Asta Nielsen macht neugierig, zumal Nielsen auch in einer Orgienszene zu sehen sein soll.

Mit "I.N.R.I." beginnt eine Reihe im Potsdamer Filmmuseum, die sich recht frei des Themas "Erlöserfiguren" annimmt. Begleitet wird er von dem wohl frühesten Jesusfilm aller Zeiten (1897), dem vierzehnminütigen La vie et la passion de Jésus-Christ aus der Werkstatt der Brüder Lumière. (Freitag 19 Uhr, Sonntag 17 Uhr, tschechische Zwischentitel) Der Kalvarienberg aus märkischem Sand? Gar aus Schnee? Der zweite Jesusfilm der Filmgeschichte inszenierte 1898 seine Passion auf dem schneebedeckten Dach eines New Yorker Hochhauses. Umgekehrt wurde infolge Schneemangels für David Leans Doktor Schiwago Marmorstaub zur Simulation der weißen Pracht bemüht, während es mit Kaltwasser besprühter heißer Wachs war, der die frostglitzernden Eiszapfen der winterlich eingefroreren Datsche simulierte. Und auch die Moskauer Straßenzüge wurden von Ausstatter John Box in einem spanischen Studio nachgebaut (Babylon Mitte, Montag 19 Uhr).

Moskau in Spanien. Und Berlin in Moskau. Mit sehr viel begrenzteren Mitteln als Box allerdings mussten die deutschen Filmemacher operieren, die aus der Moskauer Emigration ein antifaschistisches Fanal setzen wollten. Eigentlich hatte man mit dem Regisseur Joris Ivens einen Dokumentarfilm über den Dimitroff-Reichtagsbrand-Prozess 1933 drehen wollen. Doch Originalmaterial war rar, so entschloss sich die Truppe um den Schauspieler und Agitprop-Regisseur Gustav von Wangenheim, die wenigen vorhandenen Dokumente in eine Spielhandlung um einen jungen nazigefährdeten Arbeiter einzubauen. Kämpfer, 1936 in den Moskauern Meshrabpomstudios teils recht grob zusammengezimmert, ist pures, ins Kino gewechseltes Agitproptheater. Neben Ernst Busch ist auch der sehr junge Konrad Wolf mit von der Partie. "Kämpfer" kommt als letzter einer Reihe von drei russischen Exil-Filmen ins Kino. Dahinter steht das junge Unternehmerduo Wulf Sörgel und Thorsten Freehse, das unter anderem die drei "Stattkinos" Chechpoint, Lichtblick und Nickelodeon betreibt. (Lichtblick, ab Sonnabend, 20 Uhr)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben