Kultur : City Lights: Retrospektiven

Silvia Hallensleben

Vor einigen Tagen, die Nachricht konnte kaum einem Bewohner der leidlich zivilisierten Erde entgehen, ging eine fraglos weltbewegende Meldung durch die Presse. Ein paar britische Gerichtsmediziner haben sich nämlich nach 2000 Jahren reliquiengeschwängerten Nichtstuns daran gewagt, endlich ein wissenschaftlich fundiertes Jesus-Bild zu rekonstruieren. Umgerechnet 4,5 Millionen Mark soll der Auftraggeber, die BBC, dafür investiert haben. Herausgekommen ist eine Art Phantombild, auf dem der menschgewordene Gottessohn immerhin auch einmal richtig derb-menschlich aussehen darf. Schauspielermäßig irgendwo zwischen Walter Matthau und Sir Peter Ustinov vielleicht.

Ins Potsdamer Filmmuseum, wo die hier unlängst mit dem Monumentalfilm "I.N.R.I." angekündigte Reihe zum Thema "Erlöserfiguren" mit Terminator 2 (Donnerstag, 18 Uhr) fortgesetzt wird, liegt man mit Arnold Schwarzenegger in dieser Hinsicht gar nicht mal so daneben. Schließen Sie nur kurz einmal Ihr geistiges Auge, und stellen Sie ihn sich mit Wuschelhaaren und Bart vor. Fast eine Woche später folgt dann ein Programm, dass sich mit Christus von Oberammergau von Toni Attenberger (1920) und der aktuellen Dokumentation Cash mit Christus (Regie führt Anke Kirchner) den Ursprüngen wie dem aktuellen Geschäftsgebaren der Passionsspiele widmet (Mittwoch, 18 Uhr).

Statt traditionsgemäß in Konzertsaal oder Kirche könnte man dieses Jahr zu Ostern auch ins Kreuzberger Regenbogenkino gehen, wo Pier Paolo Pasolinis Version des Matthäus-Evangeliums Il vangelo secondo Matteo in der deutschen Synchronfassung von Karfreitag bis Ostermontag auf dem Programm steht. Ein Film ganz im Sinne der Bergpredigt. Auch wenn Pasolinis schöne Vorstadtjünglingsjünger manch ehrwürdiges Renaissancebild in neuem, sehr sinnlichen Licht sehen lassen: Sein Jesus Christus (Enrique Irazoqui) entspricht in fast holzgeschnitzter Strenge geradezu idealtypisch dem überlieferten asketischen Typ. Die Rolle der Gottesmutter hatte der Regisseur übrigens mit seiner eigenen Mutter, Susanna Pasolini, besetzt (Regenbogenkino, 13 bis 16. April, jeweils 20 Uhr).

Der wohl unchristlichste Osterfilm dieses Jahres ist im "Filmclub Z" des Central-Kino zu sehen, der sich jeden zweiten Montag eines Monats den Nischenexistenzen der Filmgeschichte widmet. Gegen God told me von Larry Cohen ist sogar Polanskis "Rosemaries Baby" nicht mehr als ein handzahmes Stubenkätzchen. In diesem amerikanischen B-Picture aus dem Jahr 1977, das mit Serienmord, Jungfrauengeburt und aztekischen Aliens das Erlöserthema als Großstadt-Polizei-Thriller verhandelt, wimmelt es von filmgeschichtlichen Verweisen von Kubrick bis Scorcese (Central 2, Montag, 22.30 Uhr). In diesem Sinne darf zum Schluss ein Hinweis auf Fellinis "La strada" (Delphi, Sonntag, 12 Uhr) nicht fehlen, der die Erlöserrolle in klassischer Weise auf das Weibliche projiziert. Vielleicht wird der Film deshalb besonders von so vielen Männern so heiß geliebt. Andererseits: Nach dem Stand der BBC-Forschungen ginge auch Anthony Quinn als ziemlich guter Jesus durch. Gar zu festlich-österlich geraten, diese Rubrik? Keine Sorge, nach den Feiertagen hat auch uns Vor- und Feinschmecker das Profane wieder.

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