CITY Lights : Rollerblader im Museumskeller

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Ein bisschen klingt der Name ja wie ein falsch italianisierter Fantasie-Valentino für den Billigmodemarkt. Doch Pere Portabella ist Katalane mit Herz und Seele. Die ganze erste Lebenshälfte verbrachte der 1929 geborene spanische Filmemacher im Schatten des frankistischen Militärregimes, auch seine Karriere begann unterm Klammergriff der Zensur. Ganz bewusst arbeitete Portabella damals im gefährlichen Raum zwischen Untergrund und künstlerischer Avantgarde – zuerst als Produzent für Luis Buñuels „Viridiana“, Carlos Saura und Marco Ferreri, was ihm den Entzug seines Reisepasses einbrachte. Ab 1968 drehte er Filme in eigener Regie und eigenwilliger Adaption experimenteller Traditionen. 1976 katapultierte ihn das Ende der Diktatur eine Zeit lang ganz in die Welt des politischen Umbruchs, den er als katalanischer Abgeordneter ein Jahrzehnt begleitete, bevor er 1989 mit Pont de Varsòvia (Mittwoch im Arsenal) in die europäische Filmwelt zurückkehrte.

In Paris, Buenos Aires und im MoMA wurden Portabellas Arbeiten zuletzt präsentiert, morgen eröffnet im Arsenal eine deutsche Retrospektive – mit Umbracle (1972), worin Ex-Dracula Christopher Lee ganz horroraffin durch ein paranoid verzerrtes Barcelona traumwandelt. Das Spiel mit Genreelementen ist Portabellas Markenzeichen. Doch viele seiner Filme mit Anklängen an Motive Buñuels lassen den Regisseur wie ein missing link zwischen der alten surrealistischen Schule und jungen katalanischen Kollegen wie Albert Serra erscheinen. Politisch war Portabella dabei immer: El Sopar (1974, am Sonnabend), der fünf ehemalige politische Gefangene beim Essen in einem Landhaus ausdauernd und kontrovers die Möglichkeiten des Widerstands in der Gefangenschaft debattieren lässt, musste damals klandestin gedreht werden.

Ein bisschen Horror signalisiert auch das blutbefleckte Papier, auf dem Teile der Matthäuspassion in Die Stille vor Bach (2007) notiert sind. Doch das Blut stammt von einem Stück Kalbfleisch, das Felix Mendelssohn-Bartholdys Diener auf dem Leipziger Markt erstanden hatte: Eine gern kolportierte Anekdote um die romantische Wiederentdeckung Bachs, die Portabella erst ausführlich inszeniert, um sie dann durch einen kommentierenden Liedtext genüsslich zu dekonstruieren. In dem kühnen und vielschichtigen Musikfilm setzt der Regisseur die Nachwirkungen des großen Komponisten so ehrfurchtsvoll wie angstfrei in Szene.

Ein Denkmal klassischer Hochkultur besucht Nicolas Philiberts La ville Louvre, der heute Abend im Zeughaus im Rahmen einer Museumsfilmreihe zu sehen ist. Der Dokumentarfilmer („Sein und Haben“) tut das wie immer diskret beobachtend, indem er die heiligen Hallen aus der museumstechnischen Küchenperspektive betrachtet: Ganz unten im Verwaltungstrakt ist das Gebäude durch ein verzweigtes Gangsystem verbunden, in dem nicht nur Kleinbahnen unterwegs sind, sondern auch Schnellboten auf Rollschuhen die Behördenpost verteilen. Sogar ein Fitnessstudio gibt es, wo Aufseher vor Michelangelo-Plakaten ihre Übungen machen. Da Philibert auf Erklärungen weitgehend verzichtet, macht es nichts, dass der Film nur in der französischen Originalfassung zu sehen ist. Der Sound von Bohrern und Hämmern ist schließlich überall gleich.

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