CITY Lights : Santa James

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Die Stadterleuchterin hat nie so recht verstanden, welche Erfüllung Menschen darin finden, sich in überfüllte Kinosäle zu drängen, um einen Film zu sehen, der sowieso in zwei Wochen herauskommt. Doch der heftige Zulauf zu Previews folgt seinen eigenen Gesetzen und Heiligabend sind sie fast schon so etabliert wie Würstchen und Kartoffelsalat. So gibt es am Freitag im International bereits Depardieu in Das Labyrinth der Wörter und danach Immer Drama um Tamara von Stephen Frears. Eine altehrwürdige Institution ist die Heilige-Preview-Nacht im Filmtheater am Friedrichshain, die ihre fünf Sneak-Preview-Titel bis zur Bescherungszeit um 18 Uhr geheimhält. Auch im Central wird mit Black Swan der regulär am 20. Januar startende Ballett-Psychothriller von Darren Aronofsky gezeigt. Drumherum rankt sich ein originelles Programm aus Klassikern (bis auf „Mörder Ahoi!“ in OmU-Fassung), das sich in die letzten Jahrzehnte statt in die nahe Zukunft orientiert. Frühestes Stück sind die „Ladykillers“, aber auch Polanskis „Tanz der Vampire“ und Sergio Leones „Zwei glorreiche Halunken“ sind dabei. Zur Nach-Kartoffelsalat-Zeit kommt mit dem Connery-Bond Thunderball eine Kino-Rarität, für die das Ausstattungsteam um Ken Adam versteckte Höhlen, eine Luxusyacht, luftige Hotelsuiten und ein turnhallengroßes Reich des Bösen schmieden durfte. Vor allem Sechziger-Jahre-Auto-Fans kommen auf ihre Kosten, während manche Gadgets heute eher lächerlich wirken – etwa die Rucksack-Rakete, mit der sich 007 münchhausenähnlich in die Lüfte rettet.

Klassiker machen auch dadurch Freude, dass sie beim Wiedersehen oft in verändertem Kontext stehen. So ziehen sich von den technophilen Fantasien des Bond-Films vielfältige Assoziationsfäden zu Chaplins industrialisierungskritischen Modern Times, der vom ersten Weihnachtstag bis zum Mittwoch im Eiszeit zu sehen ist. James Bonds Folter auf einer hochgetunten Massagestreckbank hat eine fast direkte Entsprechung in der durchdrehenden Fließband-Füttermaschine, die Chaplin fast den Garaus macht. Das Videoüberwachungssystem in der Fabrik kann es mit dem System auf Largos Jacht 30 Jahre später locker aufnehmen. Und die Art, wie Bond den Haien entkommt, scheint direkt bei Chaplin und Paulette Goddard geklaut: Nicht durch die Hintertür sondern frech nach vorne hinaus führt der Weg in die Freiheit. Wirkt „Thunderball“ bei aller ausgestellten Modernität heute fast wie seine eigene Parodie, erscheint der – sprachlose aber nicht stumme – Chaplin-Klassiker von 1936 erstaunlich zeitlos, nicht nur wegen des Arbeitslosen-Plots. Sogar Inlineskates gab es damals schon. Und die Tabasco-Flasche auf dem Kantinentisch sieht genauso aus wie heute.

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