Kultur : City Lights: Schauspieler spielen Schauspieler

Frank Noack

Die besten Filme über Schauspieler handeln von erfundenen Schauspielern. Esther Blodgett aus "A Star is Born" hat ebenso wenig existiert wie Norma Desmond aus "Sunset Boulevard". Muss das so sein? Sind die Biografien von Marilyn Monroe, Marlene Dietrich oder Judy Garland nicht aufregend genug, um einen Filmstoff abzugeben? Theoretisch schon. Aber ein erstklassiger Film über Künstler muss von freien, unabhängigen Autoren, Regisseuren und Schauspielern gestaltet werden. Selbst ein besserer Regisseur als Joseph Vilsmaier wäre wohl an "Marlene" gescheitert, weil künstlerische Entfaltung nur schwer mit dem Respekt vor historischen Fakten vereinbar ist.

Ein erstklassiger Film über Schauspieler: Zumindest vage immerhin aber muss er auf realen Biografien basieren. Als Whitney Houston in "The Bodyguard" einen Oscar entgegennahm, wirkte das albern, weil von Houston keine oscarreife Darstellung bekannt war. Hier war alles Fiktion, nichts Realität. Ganz anders liegt der Fall bei Joseph L. Mankiewiczs Alles über Eva (1950), einem der großen Klassiker des Schauspielerfilms, den das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz jetzt wieder zeigt. Die alternde Theaterdiva Margo Channing, deren Freundschaft sich eine junge Frau erschleicht, um ihre Texte auswendig zu lernen und im Notfall für sie einzuspringen - diese Diva sah exakt aus wie Tallullah Bankhead, eine oft erfrischend, manchmal nur enervierend vulgäre Broadway-Aktrice. Die Geschichte basierte wiederum auf einem Erlebnis von Elisabeth Bergner. Doch letztlich hat die Margo-Darstellerin Bette Davis auch sich selbst porträtiert: eine mit vierzig Jahren nach damaligen Verhältnissen uralte Frau, die ihren Geliebten und ihre Rolle an eine Jüngere, die Titelheldin Eve (Anne Baxter), verliert.

Wie alle großen Künstlerfilme handelt "Alles über Eva" nicht nur von einem Einzelschicksal, sondern von einer ganzen Kultur. Obwohl im Theatermilieu angesiedelt, enthält Mankiewiczs pointenreiche Komödie Anspielungen auf Hollywood. Als der Film herauskam, wurden die charakterstarken Altproduzenten von aalglatten Karrieristen abgelöst - gerade so, wie die direkte, undiplomatische Margo der verschlagenen Eve Platz machen musste.

"Alles über Eva" ist eine Komödie, weil Margo Channing ihre Entthronung selbstironisch betrachtet. Mit derselben Eigenschaft übersteht auch John Malkovich einige peinliche Situationen. In Spike Jonzes Being John Malkovich (Sonntag, 21 Uhr, im Arsenal) gelingt es einigen Büroangestellten, durch einen Schacht in den Körper des Bühnen- und Filmstars zu steigen und die Welt mit seinen Augen zu sehen. Die Intimsphäre des Schauspielers wird von dem Film nicht ernsthaft verletzt, dafür seine berufliche Eitelkeit. Malkovich ist in diesem Film berühmt und doch unbekannt. Die Leute haben ihn irgendwo gesehen, wissen aber nicht mehr, wo. Sie loben ihn für Rollen, die er nie gespielt hat, oder für Filme, die er vergessen möchte wie den albernen "Con Air".

Selbstironie ist nicht jedermanns Sache. Die drogensüchtige Titelheldin von Rainer Werner Fassbinders vorletztem Film Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982) lebt nur noch in den wehmütigen Erinnerungen an ihre große UFA-Zeit und geht an der Kälte der Adenauer-Ära zugrunde. Von dem historischen Vorbild, der 1955 verstorbenen Sybille Schmitz, übernahm Fassbinder die Umstände des Todes, nicht die äußere Erscheinung; statt einer konkreten Biografie interessierte ihn ganz allgemein die Zerbrechlichkeit der Künstlernatur (Babylon, 19. und 20. Januar, jeweils 19 Uhr).

Man kann beim Anblick eines Films sentimental werden wie Veronika Voss, man kann sich aber auch zu einem heißen Flirt animiert fühlen. Das passiert einem Mann und einer ihm fremden Frau in Federico Fellinis Frühwerk I vitelloni (1953). Gespielte Gefühle auf der Leinwand lösen echte Gefühle im Zuschauersaal aus. Es gibt es eben doch: das Wahre im Falschen (Montag bis Mittwoch, 19.30 Uhr, im Lichtblick, im Rahmen einer Fellini-Reihe).

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