CITY Lights : Schön schlimm

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Der israelische Dokumentarfilm „Pornografie und Holocaust“, derzeit im Programm des Moviemento, erinnert an eine dem europäischen Kinogänger durchaus geläufige Subkultur. Mehr oder weniger seriöse Versuche, den Faschismus sexualpathologisch zu erklären, hatte es in den siebziger Jahren gegeben – alle aus Italien. Insbesondere Liliana Cavanis Der Nachtportier (1974) galt als Inbegriff der Nazi-Kolportage, zu Unrecht, da es sich keineswegs um den schlimmsten Beitrag zum Genre handelt (Sonnabend im Zeughauskino). Damals waren Kritiker entsetzt, dass man die sexuelle Abhängigkeit einer KZ-Überlebenden von ihrem Peiniger überhaupt thematisierte. Heute dürften Liebhaber des schrägen, geschmacklosen Films das Caviani-Werk eher zu seriös finden.

Der Nachtportier (Dirk Bogarde) ist ein ehemaliger SS-Arzt, der 1957 in Wien der Frau wiederbegegnet, die er einst zu seiner Sklavin abgerichtet hat. Mittlerweile mit einem berühmten Dirigenten verheiratet, möchte sie die Spiele von einst wieder aufnehmen. Seinen großen Erfolg verdankte der Film den Plakaten und Standfotos. Angelehnt an „Cabaret“ präsentierte sich Charlotte Rampling als eine Sally Bowles, die im KZ gelandet ist: freier Oberkörper, Hosenträger, SS-Mütze und dazu ein frecher Blick. Im Film singt sie tatsächlich, allerdings kein provokantes Kabarettlied, sondern etwas Melancholisches, Friedrich Hollaenders „Wenn ich mir was wünschen dürfte“. Als Lohn für den Vortrag wird ihr der Kopf eines Mannes, der brutal zu ihr gewesen ist, auf einem Tablett serviert.

Mit einem ähnlich heiklen Thema, dem Lolita-Motiv, befasst sich Tom Harpers The Scouting Book for Boys (Montag im Babylon Mitte). In einer Wohnwagensiedlung verliebt sich der 14-jährige David in die gleichaltrige Emily. Sie mag ihn, findet ihn aber unreif. Als David bemerkt, dass sie von einem erwachsenen Mann aus der Siedlung schwanger ist, übt er Rache an seinem Rivalen und an Emily. Harpers Debüt fasziniert durch seine Landschaftsaufnahmen (gedreht wurde an der Küste von Norfolk) und das natürliche Spiel der Jugendlichen.

Weil jene Zuschauer rar werden, deren Jugenderinnerungen der Zeit vor 1945 gelten, haben die Betreiber der Eva-Lichtspiele eine neue Reihe eingeführt. Jeden Montag, 15.45 Uhr, läuft ein deutscher Nachkriegsfilm. Hans Heinrichs Der Kahn der fröhlichen Leute wurde 1949 von der Defa produziert, doch die Geschichte aus dem Milieu der Elbschiffer ist mit Schauspielern aus der Westzone besetzt. Der Film vermittelt mit seinem undogmatischen Realismus eine Ahnung davon, wie der deutsche Film sich bei offenen Grenzen hätte weiterentwickeln können.

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