CITY Lights : Schwarz, Weiß, Rot

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Wird das Bürgertum als Klasse aussterben? Dafür spricht, dass der Begriff an Relevanz verloren hat, er ist nicht länger identitätsstiftend. Lehrern fällt es zunehmend schwer, ihren Schülern das Phänomen zu erklären. Andererseits hat das Bürgertum die Literatur, das Theater und das Kino zu Klassikern inspiriert, die uns weiterhin ansprechen. Diese Werke mögen nicht mehr so provokant sein wie zu ihrer Entstehungszeit, aber als Charakterstudien und Stimmungsbilder sind sie immer noch bemerkenswert. Im Kino haben Claude Chabrol und Ingmar Bergman das Thema besetzt – augenzwinkernd der eine, todernst der andere.

Der todernste Ansatz birgt die Gefahr unfreiwilliger Selbstparodie, und es spricht für Bergman, der auf der Berlinale 2011 mit einer Retrospektive geehrt wird, dass man über seine Figuren gerade nicht lacht. Nachdem er wiederholt die selbstquälerische Intellektuelle mit der ungebildeten, sinnlichen Frau kontrastiert hatte, übertraf er sich mit Schreie und Flüstern (1972) selbst, indem er gleich vier weibliche (Stereo-)Typen aufbot (Sonntag im Arsenal). Die kinderlose Agnes stirbt an Gebärmutterkrebs, ihre unglücklich verheiratete Schwester Karin fügt sich Verletzungen im Genitalbereich zu, und eine weitere Schwester, Maria, betrügt ihren Ehemann, der sich daraufhin Schnittverletzungen zufügt. Die Einzige, die hier menschliche und körperliche Wärme spendet, ist eine Magd. Auf der Tonspur erklingen Chopin und Bach, und die drei Schwestern werden einer strengen Farbdramaturgie unterzogen: Weiß für die Sterbende, Schwarz für die Depressive, Rot für die Sünderin. Ein höchst umstrittener und einflussreicher Film: Woody Allen und Margarethe von Trotta, die man nicht ohne Weiteres in einem Atemzug nennt, haben das Oscar-gekrönte Drama adaptiert, als „Innenleben“ und „Schwestern oder die Balance des Glücks“. Dafür, dass Bergman und sein Milieu weiterleben, sorgen außerdem die zahlreichen Ex-Frauen, Töchter und Enkel, die ihre Kindheitserinnerungen sowie nicht realisierte Drehbücher des Meisters auf die Leinwand bringen.

Kultur im Übermaß verabreichte Veit Harlan Ende 1944 in seinem Film „Opfergang“. Eine großbürgerliche Familie, die am Vormittag einem Nachtstück von Chopin lauscht und gleich darauf eine Nietzsche-Rezitation über sich ergehen lässt, während in der Nachbarschaft eine lebenslustige Frau an Typhus stirbt: Der 27-jährige Christoph Schlingensief reagierte auf die Wiederentdeckung dieses Agfacolor-Melodrams mit einer Mischung aus Remake, Hommage und Parodie, die den Arbeitstitel „Blutsturz“ trug und 1988 als Mutters Maske in Hof präsentiert wurde (Mittwoch im Babylon Mitte). Den Schnitt besorgte er selbst unter dem Pseudonym Thekla von Mülheim. Gedreht wurde in Mülheim an der Ruhr, und zu den Darstellern gehörte neben Helge Schneider und Udo Kier auch eine Baronin Irmgard Freifrau von Bernwordt-Wallrabe. Wenn das nicht ein Pseudonym ist! Zu den stärksten Momenten von „Opfergang“ gehörte Kristina Söderbaums Ritt am Strand, ohne Sattel, dafür mit Pfeil und Bogen. Schlingensief stellt die Szene nach, aber bei ihm fällt die Reiterin vom Pferd.

Es ist einfach, sich über andere lustig zu machen. Die wenigsten Regisseure besitzen den Mut, ihr eigenes Werk mit Humor auszuleuchten. Luchino Visconti hat das schon früh getan. Nachdem der Neorealismus, zu dessen Begründern er gehörte, zunehmend in die Kritik geriet – er war nicht so realistisch und nicht so unkommerziell, wie seine Macher behaupteten –, rechnete Visconti in Bellissima (1951) mit einer Filmindustrie ab, die Laiendarsteller ausnutzt. Hier ist es die kleine Tochter einer von Anna Magnani gespielten Arbeiterfrau, die erst spät erkennt, wie sie sich zum Gespött macht (Sonntag im Babylon Mitte). Selten ist Medienkritik mit so leichter Hand vorgetragen worden – ausgerechnet von Visconti.

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