CITY Lights : Sterne zählen

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Fast neun Monate ist es her, dass der Boulevard der Stars am Potsdamer Platz eröffnet wurde. 40 historische Prominenzen aus Film und Fernsehen erhielten damals einen Stern auf dem roten Mittelstreifen. Keinen Stern erhielt Emil Jannings, immerhin der erste deutsche Weltstar und zugleich der erste Oscar-Preisträger. Lag es daran, dass er nach 1933 weiterhin in Deutschland gearbeitet hat? Ging es den Verantwortlichen mehr um politische Korrektheit als um künstlerische Bedeutung? Derartige Fragen erübrigen sich, denn im Herbst kriegt Jannings seinen Stern. Zu den ganz großen Künstlern, die erst in der zweiten Runde geehrt werden, gehört übrigens auch Ernst Lubitsch. Man sollte dem Timing des Berliner Mittelstreifensternenruhms also nicht zu viel Bedeutung beimessen.

Jannings’ Nachruhm ist durch den Klassikerstatus seiner Filme gesichert, allen voran Murnaus Der letzte Mann (1924), der es als erster nicht-amerikanischer Film in die Top-Ten-Liste der „New York Times“ schaffte (Dienstag im Babylon Mitte, mit Live-Begleitung). Es war damals mutig von der Ufa, mit hohem Budget die Geschichte eines Hotelportiers zu erzählen, der seine Arbeit verliert und wegen seines Alters keine mehr bekommen wird – außer als Toilettenmann. Es war eine typische Janningsrolle: der große Mann, der tief sinkt und dabei eine gewisse Größe bewahrt.

Für gebrochene Männer war im Western lange Zeit kein Platz; er war das heroische Genre schlechthin. Als der Heroismus aus der Mode kam, als er belächelt und angefeindet, mit Patriotismus und Militarismus gleichgesetzt wurde, da führte das nicht zu einer Krise des Genres, sondern zu einer künstlerischen Aufwertung. Eine Retrospektive im Arsenal macht das deutlich. The Iron Horse (1924), John Fords Hymne auf den Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahn, ist noch voller Optimismus und Naivität. Der junge kräftige Held und sein zartes Mädchen sind so rein, dass es weh tut (Sonntag, mit Live-Begleitung). Zu den frühesten kritischen Western gehört Nicholas Rays The Lusty Men (1952), der im Milieu der Rodeoreiter angesiedelt ist (Freitag und Montag). Es geht nicht mehr um den Kampf Gut gegen Böse, sondern um existenzielle Konflikte, um Sinn und Sinnlosigkeit des Cowboy-Daseins und eine Frau, die ihren Mann aus diesem Milieu herausholen will. Robert Mitchum wirkt müde wie immer, Susan Hayward energisch und zupackend wie immer. Unschuldig sind sie beide nicht.

Ein weiteres Stadium war der Splatter-Western. Für ihn steht Sam Peckinpahs The Wild Bunch (1969), der in Zeitlupe vorführt, wie Menschen von Kugeln zerfetzt werden und durch die Gegend fliegen. Sie tragen bevorzugt weiße Hemden, damit die Blutspritzer zur Geltung kommen (Sonnabend). Ein Altmänner-Western: Der wilde Haufen wird von William Holden angeführt, der kaum 50 war, aber infolge seines beträchtlichen Alkoholismus mindestens wie Mitte 60 aussah. Frauen kommen nur am Rande vor, als mexikanische Huren: jung, sexy, hinterhältig. Eine schießt Holden in den Rücken, verletzt ihn aber nur leicht, so dass er zurückschießen kann. Die Frage, welche der Figuren den Film überlebt, stellt sich nicht. Todgeweiht sind alle. Und um niemanden ist es schade.

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