Kultur : City Lights: Stummfilmraritäten

Silvia Hallensleben

Ist das nun Zufall, Schicksal, der berühmte japanische Schmetterling? Oder der Stummfilmgott, der es uns mal so richtig zeigen will? Tatsache ist: Am Wochenende widmen sich gleich drei Veranstaltungen allesamt dem Stummfilm - und der dazugehörigen Musik. Schließlich weiß man: Der Stummfilm war nie wirklich stumm. Von Anfang an begleiteten neben Erzählerstimmen auch Musiker das Leinwandgeschehen. Heute reicht der Umgang mit stummen Filmen vom Historismus authentischer Rekonstruktionen bis zum Kulinarischen. Man kann und muss sie auch manchmal - meist aus Sparsamkeitsgründen - nackt und tonlos zeigen, was aber beim ungeübten Publikum heftige Irritationen hervorrufen kann. Andererseits gehört längst zu jedem Sommerfestival eine Open-Air-Nacht mit befrackter Live-Orchesterbegleitung.

Zumindest von der Instrumentierung her traditionell gibt sich das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, das seine selbstironisch "Im Rausch der Geschwindigkeiten" überschriebene Mini-Reise mit frühen Verkehrsmitteln von den üblichen Tasteninstrumenten begleiten lässt. Während zu John Fords Eisenbahnwestern The Iron Horse Peter Gotthard vom Babelsberger Filmorchester diskret das Piano bedienen darf, werden Keatons The Navigator und William A. Wellmanns Fliegerfilm Wings (mit Clara Bow) von Hauspianist Jürgen Kurz auf der babyloneigenen Kino-Orgel begleitet.

Ist das nun Film mit Soundtrack oder Konzert mit Bildbeigabe? Jürgen Kurz ist kein Musiker, der sich diskret im Hintergrund hält. Das Ergebnis ist Geschmackssache. Einen eigenwilligen filmmusikalischen Ansatz hat auch der Percussionist Steve Garling. Seit vier Jahren präsentiert er einmal jährlich an wechselndem Ort Stummfilmraritäten allein oder mit kleiner Combo. Jedes Jahr ist ein anderes Land dran, diesmal mit Mauritz Stiller und Victor Sjöström das klassische Schweden (Donnerstag bis Sonntag im Blow Up und Podewil).

Stummfilm und Musik im Arsenal, das war lange Zeit synonym mit Willy Sommerfeld. Doch seit dem Umzug ins neue Haus hat man auch hier eine neue Pianistin: Eunice Martins, die sich am Samstagnachmittag auch mit der Begleitung zu einem (im Vergleich zu Stiller/Sjöström erstaunlich modernen) schwedischen Film dem Publikum präsentiert. Per Lindbergs Weibliche Junggesellen führt auf höchst vergnügliche Art eine Damen-WG der zwanziger Jahre vor. Aber im Arsenal ist man bekanntlich gerne gründlich. So wird hier das Thema "Musik zu stummen Filmen" zu einem zweitägigen Kolloquium aufgerundet, wobei sich diverse Gesprächsrunden mit historischen und aktuellen musikalischen Beispielen beschäftigen. Alle Veranstaltungen sind öffentlich zugänglich.

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