CITY Lights : Tarnung ist alles

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Das Anwesen in einem vornehmen Stadtteil von Philadelphia hat den perfekten Hollywood-Appeal. Hausherrin Tracy, mit Katharine Hepburn perfekt besetzt, setzt in einem slapstickartigen Vorspann den trinklustigen Ehemann samt Golfausrüstung vor die Tür. Und später, wenn The Philadelphia Story (Mittwoch im Freiluftkino Mitte) so richtig anfängt, ist sie drauf und dran, mit einem neureichen Möchtegern-Altreichen vor den Traualtar zu treten, sehr zum Missfallen der kleinen Schwester. Auch der Ex-Gatte ist uneingeladen zur Hochzeit angereist. Und dann drängen auch noch zwei als Familienfreunde getarnte Klatschreporter vom „Spy Magazine“ ins Haus. Flottes Tempo dominiert in dem von George Cukor nach einem Bühnenstück von Philip Barry inszenierten Film um Tracy und drei sie umkreisende Männer – wobei Cary Grant und James Stewart hier das einzige Mal gemeinsam auf der Leinwand zu bewundern sind. Heimliche und tragische Hauptfigur der romantischen Komödie aber ist die so toughe wie ungeliebte Paparazza namens Liz Imbrie, die als Fotografin notgedrungen gute Miene zum romantischen Geplänkel machen muss. Eine von sechs Oscar-Nominierungen des Films ging höchstverdient an Ruth Hussey, erfolgreich waren hierbei aber nur James Stewart in der Rolle ihres Reporter-Kollegen und Autor Donald Ogden Stewart fürs Drehbuch.

Die Journalisten werden von Tracy sofort enttarnt. Doch die Familie lässt sich davon nichts anmerken und gibt spielfreudig die große Show. In Seijun Suzukis Detective Bureau 23: Go to Hell, Bastards! (Japan 1963, Samstag im Arsenal) ist der Held ein verdeckter Ermittler, der sich auf der Spur von Waffenhändlern in einen Gangster-Clan einschleicht. Seine Maskerade ist deutlich professioneller als die der Journaille. Dennoch wird auch seine Identität schneller aufgedeckt, als er ahnt. Der schrille Yakuza-Thriller ist typisch für die Arbeit des 1923 geborenen Genre-Regisseurs, dessen Bedeutung nicht nur für die japanische Filmgeschichte immer noch unterschätzt wird. Suzuki hat zwar überwiegend nur als Auftragsregisseur für das japanische Nikkatsu-Studio gearbeitet, dort aber einen exzentrischen Stil entwickelt, der die B-Picture-Konventionen einfallsreich, ironisch und mit prä-godardscher Experimentierlust aufmischt. Dabei verbrüdern sich Humor und Gewalt, sperrige Montage mit knalliger Farbdramaturgie, coolem Jazz und Tanzeinlagen. Und statt Ostküsten-Villa und weißer MGM-Prachttreppen sieht man schummrige Clubs und Großgaragen im japanischen Großstadtdschungel. Nicht nur Wong Kar-Wai hat hier gelernt.

Eröffnet wird die Suzuki-Reihe morgen mit Branded to Kill, wegen dessen angeblicher Unverständlichkeit Suzuki 1967 bei der Nikkatsu rausflog. Tatsächlich lässt sich die Story um konkurrierende Killer kaum erschließen. Dafür entschädigt die visuelle Eleganz des in Schwarz-WeißGrau gehaltenen Breitwand-Werks. Schon die Idee, den Duft von gekochtem Reis als Kampf-Aphrodisiakum zu nutzen, zeugt von erlesener Durchgeknalltheit. Übrigens: „Branded to Kill“ läuft – wie alle Filme der zusammen mit der Japan Foundation entstandenen Reihe – auf echter 35-mm-Kopie. Das ist heute keineswegs mehr selbstverständlich.

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