CITY Lights : Taube in der Hand

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In der DDR war die Emanzipation der Frau weiter fortgeschritten als im Westen. Doch beim Film gab es dieselben Hürden: Frauen durften spielen, schreiben und Zelluloid kleben, während das Inszenieren Männersache blieb. Kontinuierlich Regie geführt hat nur Vera Loebner – beim Fernsehen. Iris Gusner inszenierte fürs Kino, mit Achtungserfolgen, doch sie wäre völlig in Vergessenheit geraten, hätte die Defa nicht soeben ihren verbotenenen Film Taube auf dem Dach restauriert. Das Arsenal ehrt die 71-Jährige am Montag mit einem Doppelprogramm; sie wird anwesend sein.

Iris Gusner war Sortiererin in einem Holzverarbeitungswerk, bevor sie 1960 in Moskau das Filmhandwerk erlernen durfte. In Wäre die Erde nicht rund (1981) hat sie diese Erfahrung verarbeitet: Eine Studentin verliebt sich in Moskau in einen syrischen Kommilitonen und muss sich entscheiden, wo sie fortan leben will. Oder soll. Oder darf. Denn ein syrischer Ehemann bot einer DDR-Bürgerin auch Fluchtmöglichkeiten. Unbeschwerter geht es in Kaskade rückwärts (1983) zu: Hier zieht eine Frau vom Land in die Großstadt und sucht, aktiv unterstützt von Freundinnen und Kolleginnen, nach einem neuen Lebensgefährten. Dass Gusners Filme so wenig bekannt sind, liegt teils daran, dass ihr nicht die üblichen Publikumslieblinge zur Verfügung standen. Für die vorzügliche Hauptdarstellerin aus „Kaskade rückwärts“, Brigitte Wiegmann, blieb es die einzige Filmrolle.

Berlin im Kino – das ist eine endlose Reihe verpasster Möglichkeiten, denn in alten Filmen bekommt man die Stadt immer nur häppchenweise zu sehen. Entweder fehlten den Regisseuren die Drehgenehmigungen, oder sie wollten ihre Stadt gar nicht erforschen. Gerhard Lamprechts Irgendwo in Berlin (1946) ist eine erfreuliche Ausnahme: Hier schaut die Kamera länger hin – und trotzdem bleibt es beim titelgebenden Irgendwo. Die meisten Orte lassen sich kaum lokalisieren, weil die Stadt in Trümmern liegt (Sonntag im Bundesplatz-Kino). Der 11-jährige Hauptdarsteller Charles Knetschke nannte sich später Charles Brauer und ermittelte im „Tatort“.

Ein paar Jahre vor Lamprechts Blick auf das kaputte Berlin drehten die deutschen Besatzer nach Belieben noch überall in Europa. Arthur Maria Rabenalts Revue- und Kriegsfilm Fronttheater etwa wurde ab November 1941 in Amsterdam und Den Haag, bei Bordeaux und sogar auf der Akropolis in Athen gedreht (Mittwoch im Zeughauskino). Allerdings gefiel den Zensoren nicht, dass Rabenalt darin die Belastung der Ehe zwischen einer Sängerin und einem Soldaten zu ausführlich darstellte. Seine unmögliche Aufgabe bestand darin, Realismus mit Optimismus zu verbinden. Im Schneideraum wurde dem Optimismus Vorzug gegeben.

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