CITY Lights : Trash und Tabu

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Dem italienischen Kino sind die wichtigsten Exportartikel abhandengekommen, darüber können gelegentliche Festivalerfolge nicht hinwegtäuschen. Zu den internationalen Größen des Landes gehörten einst Neorealismus, Spaghettiwestern, Mafiathriller, Stars. Heute gilt das nur noch vereinzelt, etwa für Roberto Benigni, Nanni Moretti oder Giuseppe Tornatore. Da kommt, zwecks Tröstung, eine Sonderreihe im Babylon Mitte gerade recht: CinemAperitivo – und das ist wörtlich gemeint. In den kommenden zwei Monaten gibt es dort sonntags ab 16 Uhr eine Kleinigkeit zu essen und dazu Filme, das alles organisiert von Cristos Acrivulis gemeinsam mit dem Italienischen Kulturinstitut. Zum Start zeigt sich das Programm doppelt kontrovers. Der Filmkritiker Marco Giusti referiert anhand von Ausschnitten über die ultrabrutalen Trashfilme der 1960er und 1970er Jahre – am Beispiel eines Schauspielers, über den es zuletzt besonders hässliche Schlagzeilen gab. Il Cinema Stracult – Klaus Kinski in Italia heißt die Veranstaltung. Interessant dürfte vor allem sein, ob das Publikum noch bereit ist, tiefschürfend über Filme wie „Leichen pflastern seinen Weg“ und „Sarg der blutigen Stiefel“ zu diskutieren.

Eine nicht weniger umstrittene Persönlichkeit war Gustaf Gründgens, in der NSZeit Intendant des Preußischen Staatstheaters. Über ihn liegt, verfasst von Thomas Blubacher, endlich eine geradezu einschüchternd umfassende Biografie vor (erschienen bei Henschel, 432 Seiten, 34,90 Euro). Der legendäre Theatermann hat auch ein halbes Dutzend Filme inszeniert – Ende 1933 die Hochstapler-Komödie Die Finanzen des Großherzogs (Mittwoch in den Eva-Lichtspielen) mit Heinz Rühmann und Theo Lingen in Nebenrollen. Gründgens selbst zog es vor, hinter der Kamera zu bleiben.

Mal sehen, was die Veranstalter sich bis zu seinem 50. Todestag am 7. Oktober alles einfallen lassen. Eine ambivalente Figur wird Gründgens immer bleiben, dagegen sind offene Propagandafilme meist ambivalenzfrei. Blutsbrüderschaft (1941) von Philipp Lothar Mayring – der Film läuft, mit Diskussion, am heutigen Donnerstag im Zeughaus-Kino in der Reihe „Unter Vorbehalt“ – schildert die Freundschaft zweier Männer von 1918 bis 1933 und bedient dabei sämtliche negativen Klischees über die Weimarer Republik. Auch das Kulturleben wird karikiert und ein von Michael Jary komponierter Nonsens-Schlager diffamierend eingesetzt: „Warum ist die Banane gelb warum und rot die Apfelsine? / Warum schläft Hans zu Hause nicht warum doch gern bei der Christine?“ Das Publikum sollte spotten, war aber begeistert, und die Schallplatte verkaufte sich bestens. Noch Jahrzehnte später übernahm Marianne Rosenberg den Schlager in ihr Repertoire.

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