CITY Lights : Tugend der Geduld

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Es ist immer wieder schön, wenn Filme sich Zeit nehmen, wenn sie ihre Geschichte mit langem Atem und allerlei Umwegen erzählen. Bei Filmreihen dagegen geht es gerne Schlag auf Schlag: Innerhalb weniger Tage wird da schon mal ein Gesamtwerk oder ein thematisch bestimmtes Programm durchgepeitscht. Nicht so bei ehrwürdigen Einrichtungen wie dem Nordischen Filmclub (im Felleshus der Nordischen Botschaften, Rauchstraße 1), dessen Termine ohnehin in der Regel etwa im Zweiwochenrhythmus stattfinden. Die – immer gefragtere – Institution präsentiert neue Werke aus dem skandinavischen Filmschaffen, die bei uns eher selten den Weg ins Kino finden.

Am Mittwoch gibt es Gelegenheit, das schwedische Gegenstück zu Wilfried Junges „Kinder von Golzow“ kennenzulernen. Rainer Hartlebs 1972 begonnene Langzeitdokumentation Alles ist gut begleitet Menschen aus Jordbro, einer Ortschaft mit 10 000 Einwohnern, von der Einschulung bis ins Erwachsenenalter. Vier einstige Schülerbiografien sind der Leitfaden seines Großprojekts, das in einem 147-minütigen Zusammenschnitt in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt werden wird.

Viel Geduld war auch erforderlich, um Das Blumenwunder festzuhalten. Dieser 1926 uraufgeführte Stummfilm besteht aus Zeitrafferaufnahmen von Pflanzenbewegungen. Alles ist festgehalten, vom Aufblühen bis zum Verwelken (Dienstag im Babylon Mitte). Gedreht wurde – der Regisseur ist nicht bekannt – auf dem Versuchsgelände der BASF, und so naiv das Konzept des Films auch erscheinen mag, er fand den Beifall führender Intellektueller wie Walter Benjamin, Alfred Döblin und Theodor Lessing. Die Blumen blühen und verwelken eben nicht nur, sie tanzen regelrecht, jedenfalls wurde im Schneideraum diese Illusion erzeugt. Die Originalpartitur von Eduard Künneke ist noch erhalten und wird an dem Abend live gespielt.

Wo keine Blumen wachsen, da entstand Grube Morgenrot (1948), einer der bemerkenswertesten frühen Defa-Filme (Montag in den Eva-Lichtspielen). Wolfgang Schleif und Erich Freund schildern einen Fall besonders hinterhältiger kapitalistischer Ausbeutung: In der untergehenden Weimarer Republik übergibt die Grubenleitung ihren Betrieb an die Arbeiter. Die sollen das Unternehmen selbst führen und auf dem freien Markt konkurrieren. Sie scheitern und finden erst nach 1945 würdige Arbeitsbedigungen vor. Für das Projekt sind echte Arbeiter aus Zwickau und Oelsnitz vor die Kamera geholt worden. Hauptdarsteller Claus Holm allerdings entschied sich bald für einen Klimawechsel. Nicht nur im „Glockengießer von Tirol“ (1956) wurde er zu einem Protagonisten des westdeutschen Heimat(kitsch-)films.

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