CITY Lights : Umsonst und drinnen

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Unwirsches Personal, aufdringliche Mitbesucher und enge Umkleidekabinen gab es damals schon. Auch vergangene Bademoden lassen sich in der wunderbaren Hallenbad-Episode von Buster Keatons The Cameraman (1928, Regie: Edward Sedgwick) ausgiebig bestaunen. Eine knöchellang verhüllte Matrone ist im Pool allerdings neben den dominierenden klassischen Einteilern eher isoliert – und wohl auch nur anwesend, um sich von Buster einen Teil ihrer Robe rauben zu lassen. Der hat sein Schlabbergewand beim Imponierhüpfer vom Dreimeterbrett verloren und braucht nun dringend eine Textilie zur Bedeckung. In passender Größe übrigens sehen die damals auch von Männern getragenen Badeanzüge viel attraktiver aus als das meiste, das sich heute im Freibad findet. Nur Buster macht eine jämmerliche prä-woody-alleneske Figur zwischen athletischen Schwimmern und dem kerligen Kameramann Harold, der mit ihm um dasselbe Mädchen konkurriert. Doch Sportsgeist beweist auch er, sprintet wie Özil, landet Bauchrutscher wie Friedrich und inszeniert eine grandiose One-Man-Baseball-Pantomime auf dem Spielfeld des ansonsten menschenleeren Yankee-Stadions.

Drumherum gibt es großartige mit Bussen und Hochbahnen belebte Stadtansichten aus dem damaligen New York. Auch das zeitgenössische Badeleben mit Badeanzugs-, Handtuch- und Ballverleih gab es übrigens tatsächlich, nur befand sich das municipal plunge mit dem Springbrunnen im Becken nicht etwa auf Coney Island, sondern im kalifornischen Venice. Längst ist dieser Badepalast verändertem Spaßverhalten zum Opfer gefallen. Zumindest sein filmisches Abbild kann heute abend im Lichtblick-Kino im Rahmen eines Buster-Keaton-Abends noch einmal bestaunt werden.

Das Budapest von Ernst Lubitschs Shop Around the Corner (1940, in OmU-Fassung ebenfalls im Lichtblick, Montag bis Mittwoch) ist offensichtlich komplett im MGM-Studio entstanden und auf einen kleinbürgerlichen Mikrokosmos begrenzt, in den die Außenwelt nur vermittelt eindringt: Ein paar Straßenecken in einer Geschäftsgegend, ein paar Stuben – und natürlich das kleine, feine Warenhaus des Herrn Matuschek, wo neben musizierenden Zigarrenschachteln auch andere putzige Geschenkartikel zum Verkauf stehen. Die Geschäfte gehen mau, der junge James Stewart fällt als rechte Hand des Inhabers erst einer Intrige und dann der Liebe zum Opfer.

Wie in vielen romantischen Komödien und im „Kameramann“ geht es auch hier um Schein und Sein, Täuschungen und Enttäuschungen. In beiden Filmen ist die Liebe – für den männlichen Helden – eng an den beruflichen Aufstieg gekoppelt, auch wenn von den Figuren selbst gerne das idealistische Gegenteil behauptet wird. Auch sonst spielen in Lubitschs nach einem Theaterstück entstandenen Film neben dem Liebessehnen die Materialismen des Chef- und Angestelltendaseins von Arbeitssuche bis Zeugnis eine ungewöhnlich prominente Rolle. Dargestellt wird Matuscheks Team von einem Darstellerensemble, das neben den Spielführern viel Raum zur Entfaltung eigener Spielfreude erhält. Nebenbei bietet das weihnachtlich harmoniesatte Ende mit Sondergratifikation und Schneeflöckchengestöber dem Kinobesucher einen hübschen Kontrapunkt zu hochsommerlichen Hitzegewittern.

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