CITY Lights : Verbannt und verschollen

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Die Verbannung nach Sibirien ist ein fester Bestandteil der populären Kultur. Jules Vernes Michel Strogoff ist dort ebenso gelandet wie Dostojewskijs Dimitri Karamasoff. Sibirien wurde zu einem mythischen Ort, an dem ein Mann sich bewähren darf. Dagegen ist das 1923 errichtete Gulag-System jahrzehntelang von der Literatur und vom Kino nicht beachtet worden. Es fehlte an Informationen; erst 1973 erschien mit Solschenizyns „Archipel Gulag“ ein Standardwerk. Immerhin ein paar filmische Zeugnisse des Lagerlebens sind überliefert. 1988 durfte die Dokumentarfilmregisseurin Marina Goldowskaja nie gezeigte Aufnahmen aus dem Jahr 1929 mit aktuellen Zeitzeugeninterviews verbinden. Ihr Film Die Macht von Solowski (Sonnabend) ist der Höhepunkt einer kleinen Reihe im Zeughauskino, die die Gulag-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ergänzt. Reichlich makaber, doch als Kuriosum sehenswert ist eine weitere filmische Ausgrabung: Jewgeni Tscherwjakows Häftlinge (Sonntag) entstand 1936 und beschreibt das Leben im Gulag mit Elementen der musikalischen Komödie. Bei der Figurenzeichnung stand offensichtlich die „Dreigroschenoper“ Pate, die in Moskau nur kurz gezeigt und schnell wieder abgesetzt wurde. Auch bei Tscherwjakow haben sich Kleinkriminelle eine Parallelwelt erschaffen, mit selbst ernannten „Aristokraten“ an der Spitze. Sie sind allerdings nicht so überlegen wie die Ganoven bei Brecht, sondern nur tumb und grob. Das Straflager wurde in Moskauer Ateliers nachgebaut. Stalins Säuberungen waren in vollem Gange. Einige der Mitwirkenden mögen bald darauf in einem echten Gulag gelandet sein.

Ein Kontrastprogramm dazu bietet das Zeughauskino mit dem Programm „Reisen Werben Filmen“. An zwei Abenden werden je sieben Beispiele für Tourismuswerbung vorgestellt, und man kann studieren, inwiefern sie sich verändert hat oder vielleicht auch nicht. Der früheste Kurzfilm entstand 1907 und präsentiert Die schönsten Wasserfälle der Ostalpen (heute), danach geht es weiter mit Werbung aus der Weimarer Republik, der NS-Zeit und dem geteilten Deutschland. Auch Kommissar Keller alias Erik Ode hat als junger Mann in solch einem Kurzfilm mitgewirkt: Er unternahm 1940 eine Karlsbader Reise (Freitag), wobei die historischen Ereignisse im Entstehungsjahr in scharfem Kontrast zu der gezeigten Idylle stehen.

Von einer Zeitreise hat wohl jeder schon einmal geträumt – als Filmstoff aber eignet sie sich nur bedingt, wie zuletzt „Cloud Atlas“ gezeigt hat. Selbst ein Star wie Barbra Streisand konnte nicht verhindern, dass Vincente Minnellis Musical On a Clear Day You Can See Forever (1970) durchfiel. Das Gute an Flops ist, dass man sie wiederentdecken und neu bewerten kann. Barbra Streisand im Kostüm einer englischen Hofdame im 18. Jahrhundert, sündhaft teuer ausstaffiert vom „My Fair Lady“-Designer Cecil Beaton, muss man gesehen haben (Sonntag im Arsenal). Der Film spielt zwar in der Gegenwart, aber im Verlauf einer Therapie zur Behebung ihrer Nikotinsucht begreift die von Streisand gespielte Daisy, dass sie schon einmal gelebt – und mit Tad Pringle (Jack Nicholson) im Duett gesungen hat. Die gezeigte Fassung ist ein 107-Minuten-Torso; von der dreistündigen Originalfassung kann man vorerst nur träumen. Ein hübsches Stück Traumfabrik ist auch so garantiert.

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