CITY Lights : Volle Dröhnung

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Manchmal bekommt auch die strukturell sanfte Stadterleuchterin autoritäre Züge. Etwa dieser Tage, wenn die ach so hippen zweikleinrädrigen Höllenmaschinen unterm offenen Fenster vorüberknattern. Geht doch zurück, wo ihr herkommt, möchte sie brüllen, ihr miesen stotterfurzenden Wespen, ab zu Prandelli, Buffon & Co! Das klingt vielleicht böse teutonisch, ist aber nur ein Fall akuter Individualhypersensibilität. Ein guter Selbsttest auf dieses Symptom ist Performance (Dienstag im Freiluftkino Mitte), das 1968 neben zeitüblichen Songs von Randy Newman und den Last Poets einen garstigen Synthesizer-Soundtrack verpasst bekam. Auch visuell wird in Donald Cammells und Nicholas Roegs Regie-Debüt einiges an postpostpostbarocken Effekten geboten. Immerhin die pilz-induzierte Verwandlung des mafiösen Hippiehassers Chas (James Fox) in einen androgynen Jim-Morrison-Engel versöhnt mit manch anfänglicher Unbill.

„You look funny, when you’re fifty“ sagt Chas zu Mick Jagger, der hier mit Mitte zwanzig einen abgewrackten Popstar spielt. Nächstes Jahr wird Sir Michael satte 70 – und einen unglaublichen 90. feierte am 3. Juni Alain Resnais, einer der Leitsterne des europäischen Nachkriegskinos. Unglaublich auch deshalb, weil seine späten Filme immer jünger zu werden scheinen und frühes Pathos luftigem Witz weicht. Ein Resnais-Stück von 1980 ist Mon Oncle d’Amerique ( im Lichtblick am Mittwoch), das den moralischen Appell von „Nacht und Nebel“ mit der erzählerischen Verspieltheit der späteren Filme kreuzt. Resnais verschränkt – in einer Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm – drei Lebensläufe zu einer Studie über menschliches Handelns in unfreien Verhältnissen.

Verweigerung gegenüber traditionellen Erzählformen betreibt auch Xiaolu Guo. In She, a Chinese erzählt die junge chinesische Regisseurin einen weiblichen Lebensweg als fragmentarische Abfolge in sich funkelnder Episoden. Mei ist ein störrisches junges Mädchen aus der südchinesischen Provinz, das vor Langeweile und familiärer Überfürsorge in die große Welt bis nach Ost-London abhaut. Da gibt es Freiheit, aber auch Hunger und Erniedrigung und den begehrlich exotisierenden Blick. Weil Guo selbst aus einem chinesischen Fischerdorf nach London übersiedelte, werden ihrem Film nicht ganz zu Unrecht autobiografische Elemente nachgesagt. Nur ging sie nicht als Ausreißerin nach Peking, sondern als geförderte Filmstudentin. Seit Mai ist Guo als DAAD-Stipendiatin in Berlin – und stellt am Sonnabend ihren Film im Arsenal vor. Motorroller gibt es übrigens auch in Peking massenweise. Die meisten aber sind strombetrieben, also lautlos. Von Diktaturen lernen heißt durchatmen lernen. Manchmal.

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