CITY Lights : Wie Eis in der Sonne

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Bei der Suche nach ausländischen Verleihern haben israelische Filmemacher dasselbe Problem wie deutsche. Sie müssen bestimmte Erwartungen erfüllen, man kann auch sagen: Klischees bedienen. Vom deutschen Kino erwartet das Ausland Nazi- und Stasidramen, vom israelischen Auseinandersetzungen mit dem Palästinenserkonflikt und dem Militarismus – nicht gerade ermutigend für den Regienachwuchs. Und am größten Exportschlager des israelischen Kinos, „Eis am Stiel“, kann man sich kaum orientieren; das ist einer jener Klassiker, für die sich eine Filmindustrie schämt.

Der junge Regisseur Reshef Levi zeigt nun, dass man sogar diese Teenieklamotte clever variieren kann. Lost Islands enthält dieselben Zutaten: Nostalgie (die Handlung setzt 1980 ein), hormongesteuerte Jugendliche, knallbunte Bilder, US-Popmusik. Dafür gibt es keine Witze über Dicke und über dumme, willige Mädchen. Nach einer unbeschwerten Exposition tun sich Abgründe auf: Ein Mann aus der Nachbarschaft bestraft seinen Sohn, indem er dessen Hund tötet. Und Erez, der jugendliche Protagonist, erwischt den eigenen Vater beim Fremdgehen und zersticht dessen Reifen, mit katastrophalen Folgen. Der lockere, freundliche Ton wird dennoch beibehalten, auch wenn der Libanonkrieg vor der Tür steht.

„Lost Islands“ eröffnet das israelische Filmfestival Cinemaviv: Vier Spiel- und zwei Dokumentarfilme stehen von Sonntag bis Dienstag in der Kurbel auf dem Programm, jeweils im Original mit englischen Untertiteln. Auch bei Christopher Grimms Goyband handelt es sich um eher leichte Kost. Ein alternder Boygroup-Sänger, der 39-jährige Bobby Star, kann nicht mehr wählerisch sein und sieht sich gezwungen, im Mazel Hotel aufzutreten, einem jüdisch-orthodoxen Hotel, in dem Handy- und Fernsehverbot besteht. Die größte Freude allerdings bereitet ausgerechnet ein Film mit einer trostlosen Ausgangssituation. Die acht Witwen, die Dalit Kimor in seiner Dokumentation Pickles vorstellt, leben in Tamra, einer zu 99 Prozent von Arabern bewohnten Stadt im Norden Israels. Sie werden von den Brüdern ihrer toten Ehemänner und sogar von den eigenen Vätern bevormundet. Aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie haben sich zusammengeschlossen und ein Unternehmen für Gurkenanbau gegründet. Eine von ihnen kann Auto fahren, eine andere ist sprachbegabt und kann gut verhandeln – ein Talent ergänzt das andere. Und das Schönste am Optimismus dieses Films ist, dass ihn kein Drehbuchautor erzeugt hat.

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