CITY Lights : Zusteigen, bitte!

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Wer nicht zur Schule geht oder schulpflichtige Kinder hat, der merkt trotzdem, dass gerade Herbstferien sind. Es liegt am Ferienfahrplan. Man ärgert sich, wenn einem die Bahn vor der Nase wegfährt und die nächste erst in zehn Minuten kommt, statt wie sonst in drei oder fünf Minuten. Und das ist natürlich ein Luxusproblem. Der moderne Großstädter nimmt das Bahnnetz als selbstverständlich hin und kann sich die Zeit davor gar nicht ausmalen.

Vier Dokumentarfilme von je zwanzig Minuten Länge erinnern daran, wie schwach erschlossen Berlin einst gewesen ist. Der Ausbau des Bahnnetzes zwischen Nordbahnhof und Potsdamer Platz ist von der Reichsbahn-Filmstelle festgehalten worden, eine erste Zwischenbilanz kam 1935 unter dem Titel Die Reichsbahn unterfährt Berlin in die Kinos. Die Aufnahmen wecken notalgische Gefühle, auch wenn sie aus der NS-Zeit stammen. (Dienstag, 20 Uhr im Zeughauskino) Der vierte Film fängt den Kriegsalltag ein: Es handelt sich um eine Wochenschau vom 18. Oktober 1939, in der man neben weiteren Bahnmotiven eine Weinlese und den Tempelhofer Flughafen, aber auch Warschauer Juden bei erzwungenen Aufräumarbeiten sieht.

Vor geistig-moralischen Aufräumarbeiten hat sich der deutsche Nachkriegsfilm gedrückt. Er plädierte für Völkerverständigung und Versöhnung und traute sich nicht die Verbrechen zu zeigen, deretwegen man sich versöhnen musste. Wolfgang Staudte wagte es immerhin, diese Verbrechen zu thematisieren. In Herrenpartie (1964) reist ein deutscher Männergesangsverein nach Jugoslawien und bleibt in einem Dorf hängen, in dem nur Frauen leben. Alle Männer waren während des Zweiten Weltkriegs bei einer Vergeltungsaktion erschossen worden. (Sonntag und Montag, 15.45 Uhr im Bundesplatz-Kino) Der Film kam weder beim Publikum noch bei der Kritik an. Wie der Hauptdarsteller Götz George später verriet, war Wolfgang Staudte aufgrund privater Probleme nicht ganz bei der Sache und leistete sich einige Überzeichnungen, die dem Ernst des Themas zuwiderliefen. Aber es sind schon so viele angeblich misslungene Filme neu bewertet worden, warum nicht auch dieser?

Auf einhellige Ablehnung stieß auch Roberto Rossellini mit Deutschland im Jahre Null (1948). Zuvor hatte er mit den packenden Widerstandsdramen „Rom, offene Stadt“ und „Paisa“ Begeisterungsstürme ausgelöst. Dann fuhr er ins zerbombte Deutschland, sah überall nur Apathie und Kinder ohne Perspektive. All das fing er so trostlos ein, wie er es vorgefunden hatte. (Sonntag, 11 Uhr im Bundesplatz-Kino) Nur die deutschen Schauspieler hatten ihre Freude an dem Film, denn die Innenaufnahmen entstanden in den Cinecittá-Studios in Rom. Das bedeutete viel Pasta für die ausgehungerten Deutschen und zahlreiche Anschlussfehler. Der dünne Mann von der Straße hat ein rundes Gesicht, sobald er einen Raum betritt.

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