Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

"Rote Ohren" bekomme er, so Regisseur Kurt Maetzig kürzlich zum Tagesspiegel, beim Erinnern an seinen Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse, den er 1953 im Staatsauftrag realisierte. Denn Maetzig, nun gerade 90 geworden, war eigentlich kein Propagandist. Doch einer, der auf eine gerechtere Zukunft hoffte. Die ist erstmal vorbei. Und es dürfte ihm wenig Trost sein, dass - Ironie der Geschichte - sein Thälmann-Film mittlerweile, wie die "taz" schreibt, wegen seiner "Trash-Qualitäten" Kultstatus besitzt. (Brotfabrik, bis 7. März, 19.30 Uhr).

1965 wurde Maetzigs "Das Kaninchen bin ich" verboten - als einer von insgesamt elf Filmen, die nach dem 11. ZK-Plenum in der Versenkung verschwanden. Die "Verbotsfilme" erlebten ihrer verspätete Uraufführung nach dem Mauerfall 1989/90. Viele andere Filme aber kamen nie auf die Leinwand, manche, weil sie nie gedreht worden waren, andere wurden nachträglich vernichtet. Ihre Geschichten in einem Teilbereich der Defa hat nun der langjährige Defa-Dramaturg Dieter Wolf dokumentiert. Erfreulich unaufgeregt und differenziert beschreibt Wolf in Gruppe Babelsberg. Unsere nichtgedrehten Filme (Verlag Das Neue Berlin) die sehr unterschiedlichen Schicksale dieser Filmprojekte. Jenseits einfacher Schuldzuweisungen liefert der Band Einblicke in die Planungsabläufe der volkseigenen Spielfilmproduktion. Zur Präsentation des Buches im Potsdamer Filmmuseum wird auch der 1996 entstandene Filmessay Filmschicksale - Nur die Erinnerung bleibt von Ullrich Kasten und Ralf Schenk seine Kinopremiere erleben, der fünf der nichtexistenten Filme näher vorstellt. Zwei davon, Kurt Barthels Fräulein Schmetterling (Koautoren: Christa und Gerhard Wolf) und Maxim Dessaus Schnauzer (1984) werden sogar in Ausschnitten präsentiert. Von der manchmal erträumten Retrospektive verschollener Werke sind wir aber noch weit entfernt. Auch ist das Stornieren von Filmprojekten kein DEFA-Privileg, die Beispiele aus Hollywood sind zahlreich und legendär.

Eine große Gefahr für das Gedächtnis des Kinos liegt im seltsamen Nachleben von einst aufgeführten Filmen. Feuersbrünste müssen da gar nicht sein. Mancher Film verschwindet von der Bildfläche, weil die Rechte ausgelaufen sind. Anderswo ist der Lagerplatz zu kostspielig, um schon Ausgewertetes noch sachgerecht zu verwahren.

Guerillakrieger gegen solche Vernichtungs-Praktiken sind die privaten Filmsammler, die rare - und nicht immer ganz legal akquirierte - Filmkopien in ihren Archiven horten. Einer von ihnen ist der Kinderbuchautor Jan Wahl aus Ohio, dessen Sammlung als eine der bedeutendsten der Vereinigten Staaten gilt. Bei seiner jährlichen Tour durch deutsche Spielstätten kommt Wahl auch wieder im Arsenal vorbei. Eines seiner vier Programme ist ganz der Animation gewidmet (4.3., 17 Uhr). Der Rest sind Stummfilmdelikatessen: Ein früher Western mit William S. Hart (Sand, 6.3., 19 Uhr), eine Old Heidelberg-Variante des Regisseurs John Emerson von 1915 mit Dorothy Gish und Erich von Stroheim (5.3., 19 Uhr) und Cecil B. DeMilles Carmen aus dem gleichen Jahr (4.3., 21.30 Uhr). Am Piano: Eunice Martins.

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