Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

Eine der schönsten Anekdoten aus der Twilight Zone zwischen Kino und Realität betrifft die Präsenz, die die künstlich geschaffenen Welten in der kollektiven und persönlichen Imagination einnehmen können. Sie berichtet davon, wie Präsident Nixon nach seinem Amtsantritt darauf bestand, den War Room im Pentagon vorgeführt zu bekommen, eine Kommunikationszentrale, die eigentlich nur aus einem riesigen runden Konferenztisch und einer aus dem umgebenden Dunkel hervorleuchtenden gigantischen Leuchttafel besteht. Doch den War Room gibt es nicht, jedenfalls nicht mehr und nicht im Pentagon, er war eine Erfindung des Production Designers Ken Adam, der die für 1962 durchaus futuristisch anmutende Installation damals in den Londoner Shepperton-Studions für Stanley Kubricks Film Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben aufbauen ließ. Nixons Naivität erscheint heute einigermaßen lächerlich, interessanter aber die Frage, ob der heiße Krieger das satirische in Kubricks Kalter-Kriegs-Satire überhaupt wahrgenommen hat. Wer weiß, vielleicht hat der War Room ja Geschichte geschrieben und als Phantasie unbewusst die Initiationszündung für die damaligen Präsidentschaftsambitionen von Tricky-Dick gelegt. "Dr. Seltsam", im Schaffen Kubricks zwischen " Lolita" und vor "2001" angesiedelt, ist Samstag und Sonntag im Klick zu sehen.

Neben dem Machtgebaren der Kalten Krieger thematisiert Kubricks Film auch die technischen Apparate, die sich im Kommunikationsprozeß zwischen die Menschen schieben. In Charlie Chaplins Modern Times, einer aus Fordismus, Weltwirtschaftskrise und New Deal geborenen Anti-Ordnungs-Utopie, ist es der Präsident eines Elektrizitätswerks, der durch Überwachungsmonitore das Verhalten seiner Angestellten kontrolliert. Es sind die riesigen Maschinenräder und die anziehenden Fließbandgeschwindigkeiten, die die Leben der ihnen Ausgelieferten konditionieren. Oder sind es sich ausliefernde? "Modern Times" beginnt mit einem Gegenschnitt von einer Schafherde auf die zum Fabriktor hineinströmenden Arbeiter. Chaplins Gegenwehr ist die übliche des tänzelnd disfunktionalen Naiven, der nach qualvoller Jobsuche am Ende mit seinem Mädchen dem Sonnenuntergang entgegen wackelt. "Modern Times", 1936 entstanden, ist ein Tonfilm, doch die Dialoge sind in Stummfilmmanier als Texttafeln zwischen die Einstellungen geschnitten. Der Soundtrack besteht neben der Musik nur aus Maschinengeräuschen und den Parolen und Ansagen der Überwachungsapparate. "Moderne Zeiten" läuft Freitag im Berliner Kinomuseum und am Freitag und Sonntag im Babylon Studiokino.

Wem im Kino immer schon zuviel geredet wurde, der sollte sich Themroc (Regie Claude Faraldo, 1972) ansehen, eine heisse und auch recht dauerhafte Film-Jugendliebe der Autorin. Auch "Themroc" beschreibt eine Verweigerung gegenüber den Mühlen der Leistungsgesellschaft. Michel Piccoli gibt hier einen Pariser Proll, der sich mit Gewalt aus dem zivilisierten Alltagstrott ausklinkt und zum Steinzeitmenschen regrediert. Erst wird mit der Hacke die Wohnungswand eingerissen, dann Fernseher und anderer Wohlstandsmüll durch diese Öffnung entsorgt. Ganz deutlich sind die Erinnerungen nicht mehr: Auf jeden Fall gibt es Proteste der Nachbarn, schwesterlichen Inzest und Kannibalismus mit einem am Spieß gebratenen Polizisten. Und jede Menge Gegrunze, Gestöhne und andere menschliche Ausdrucksformen. Worte sind nicht darunter. Das kann erholsam sein. Freitag und Samstag im Lichtblick, am Montag im Freiluftkino Friedrichshain.

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