Kultur : City Lights

Frank Noack

Was wäre "Der Schuh des Manitu", der derzeit einen Erfolg ohnegleichen in den Kinos verzeichnet, ohne die Trivialmythen aus dem wilden Westen? Niemals würde man so herzhaft lachen, wenn einem die liebevoll karikierten Helden Winnetou und Old Shatterhand fremd wären. Diese Figuren sind ins kollektive Bewusstsein gelangt - zuerst durch die Romane von Karl May und dann durch die überaus publikumsträchtigen Leinwand-Adaptionen. 1962 begann mit dem "Schatz im Silbersee" der sechsjährige Siegeszug des deutschen Westerns, der trotz lustiger Kurzauftritte von Heinz Erhardt und Eddi Arent ironiefrei blieb und eher auf romantische Verklärung setzte.

Mit Wildwest-Romantik hatte Rolf Olsen dagegen nichts am Hut. Sein Austro-Western Der letzte Ritt nach Santa Cruz (1964) ist wilder und härter als die Karl-May-Filme; nicht nur in der Story um die Rache eines ausgebrochenen Sträflings an einem Sheriff. Auch formal beeindruckt dieses verkannte Werk des vielleicht besten Kolportage-Regisseurs der sechziger Jahre ("In Frankfurt sind die Nächte heiß"). Olsen liebt grelle Farben, und dass er ursprünglich Kabarettist war, merkt man an den coolen Sprüchen seiner Figuren. Mario Adorf, Marianne Koch, Walter Giller und Klaus Kinski gehören zur gut aufgelegten Besetzung; die mitreißend brachiale Musik stammt von Erwin Halletz (Mittwoch und nächsten Donnerstag im Babylon Mitte). - Zwei Alpinisten lieferten wertvolle Beiträge zum deutschen Western: Der Ex-Skiweltmeister Harald Reinl hat den "Schatz im Silbersee" inszeniert, und als Der Kaiser von Kalifornien (1936) siegte Luis Trenker bei den Filmfestspielen von Venedig. Unter eigener Regie spielte er den Schweizer Buchdrucker Johann August Suter, der 1836 in die USA auswandert, ein Imperium aufbaut und überrannt wird, als man auf seinem Land Gold findet. Dank guter Beziehungen drehte Trenker an Originalschauplätzen in Kalifornien, und obwohl der Protagonist scheitert, ist die Tendenz des Films eindeutig pro-amerikanisch. Einen beeindruckenden Kurzauftritt absolviert Bernhard Minetti (Donnerstag im Kino Eva).

Das Arsenal zeigt heute zwei Western, zwischen denen in mehrfacher Hinsicht Welten liegen. The Great Train Robbery (1903) von Edwin S. Porter galt lange fälschlich als der erste Western und der erste narrative Film - definitiv aber war er der erste Blockbuster. Zu dem 12-Minuten-Werk gesellen sich weitere Arbeiten von Porter, dessen gewagtester Einfall darin bestand, einen Mann in die Kamera und somit ins Publikum schießen zu lassen. Von der Unschuld dieser Pionierarbeit ist in Andy Warhols Lonesome Cowboys (1968) nichts mehr übrig. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der sexuellen Revolution macht sich Warhol über alles lustig, was Westernliebhabern heilig ist.

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