Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

Swissair, das Gotthard-Unglück, der Amoklauf in Zug: Die Schweiz ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Aber war sie das je - ordentlich unschuldiges Heidiland, in dem selbst die Straßen wie von Hand gewienert aussehen? 1999 ist ein Film entstanden, der die Tragödie zweier von Schweizern Grenzbeamten abgewiesenen jüdischen Familien während der Nazi-Herrschaft in Deutschland dokumentiert: Während die Sonabends bis auf zwei Nachkömmlinge von den Deutschen deportiert und ermordet wurden, haben die Popowskis überlebt, durch einen Zufall. Nach fast 60 Jahren kehren die Geschwister Charles und Simone Sonabend und die Brüder Popowski in die Schweiz zurück. Die Filmemacher Stefan Mächler und Kaspar Kasics begleiten sie in Closed Country auf diesem Weg, verknüpfen Zeugenaussagen von Überlebenden und Tätern, Wochenschauen und Fragmente aus Reden des damaligen Schweizer Polizeichefs zu einem psychologischen Netz aus bereitwilliger Unterwerfung und schlecht verhehltem Antisemitismus.

Der ehemalige Grenzoffizier Fritz Straub hat die Familien damals abgewiesen. Jetzt sucht er höflich nach Ausflüchten. Die Nonnen aus dem Kloster, wo die Sonabends Zuflucht suchten, haben die Polizei verständigt. Jetzt sind sie sich keiner Schuld bewusst. Und Polizeichef Rothmund selbst, der einst gegen die drohende "Verjudung unseres Landes" wetterte und dann höchstpersönlich die Familie Popowski wegen ihrer "herzigen Kinder" von der Abschiebung verschonte: Sie alle treffen auf die "herzigen Kinder", die nun die Hauptpersonen geworden sind. Und sich mit Ausflüchten nicht abspeisen lassen. (Donnerstag und Freitag im Filmmuseum Potsdam)

Die Leute vom Kreuzberger Eiszeit-Kino gehen gerne direkt zur Sache. So haben sie unter dem Motto Die Ausweitung der Kampfzone ein einwöchiges Programm frei nach dem 11. September kreiert, das bei Betroffenheit nicht stehenbleibt und durchaus originelle Perspektiven erschließt. Zum Auftakt gibt es neben Philippe Garrels Verfilmung von Michel Houellebecqs titelgebendem Roman eine essayistische Film-Collage des Belgiers Johan Grimonprez. Der Regisseur versucht, anhand eines katastrophischen Bilderreigens den kollektiven Gewaltfantasien der letzten Jahrzehnte auf die Spur zu kommen. Das Material hat er den Medien-Archiven entnommen. Im Zentrum: Eine Art Bildergeschichte der Flugzeug-Entführungen. Auch wenn das Bemühen, mit auktorialer Hilfe Don De Lillos Terrorismus und Schriftstellerdasein - plot und plot - zu einem dialektischen Verhältnis zusammenzuzwingen, leicht verstiegen erscheint: Zu Ausflügen ins eigene - auch historische - Denken regt dieser Film allemal an. Und das ist gerade in Zeiten permanenter Ausweitung der Kampfzonen ganz und gar nicht verkehrt.

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