Kultur : City Lights

Frank Noack

Als das schönste Gesicht des Sozialismus ist Katarina Witt einmal bezeichnet worden. Aber sie hatte eine Vorgängerin, die 1958 auf den Filmfestspielen von Cannes die westliche Welt im Sturm eroberte. Sie hieß Tatjana Samoilowa, war 23 Jahre alt und ein ähnlicher Typ wie Audrey Hepburn. Am Moskauer Majakowski-Theater hatte die Großnichte von Stanislawski erste Erfahrungen gesammelt. In Michail Kalatosows Wenn die Kraniche ziehen verkörperte sie eine junge Frau, Veronika, deren Verlobter an der Front vermisst wird, und die sich dann während eines Bombenangriffs von seinem Cousin verführen lässt. Unter Stalin wäre dieser Film nicht gedreht worden. Die Hauptfiguren, mit Ausnahme des Verlobten, verhalten sich wenig vorbildlich und werden trotzdem einfühlsam dargestellt. Bei Veronika sorgt die Naivität noch für Sympathiepunkte; wirklich erstaunlich ist, dass ihr Verführer, der sich zudem noch vor dem Fronteinsatz drückt, einen positiven Eindruck hinterlassen darf. Ein zusätzliches Wagnis war die Regie, die einen als "dekadent" und "kosmopolitisch" verpönten Formalismus ins sowjetische Kino einführte. Eine entfesselte Kamera und exzentrische Perspektiven bestimmen diesen Film. Kalatosows Stilwille wirkt manchmal etwas übertrieben, er lässt aber niemanden kalt. Und vor allem kann man das Gesicht von Tatjana Samoilowa nicht vergessen, die zur verdienten Künstlerin der UdSSR ernannt worden ist, heute aber von einer Künstler-Nothilfe leben soll. (Sonnabend und Sonntag in der Börse)

Wegen des Kalten Krieges war die Sowjetunion der Nachkriegszeit für den Westen ein unbekanntes Filmland. Als Neuland gilt nach wie vor auch die israelische Filmproduktion, deren größter Export-Hit die Teenie-Klamotten-Serie "Eis am Stil" bleibt. Um dieses Bild zu korrigieren, zeigt das Arsenal bis zum kommenden Donnerstag neue Filme aus Israel, präsentiert von den jüdischen Kulturtagen und dem Berlin Jewish Film Festival. Total Love von Gur Bentwich porträtiert auf humorvolle Weise drei israelische Rucksacktouristen, die in Indien den Sinn des Lebens suchen und sich in dieselbe Frau verlieben. (Sonnabend)

Mit drei mittellangen Arbeiten ist die Regisseurin Ayelet Bargur vertreten, die sich den schwersten Problemen des Landes zuwendet. In As If Nothing Happened erfährt eine Familie von einem Terroranschlag, dem ihr Sohn zum Opfer gefallen sein könnte. In At the End of the Day geht es um vier Familien, deren Söhne während ihrer Militärzeit umgekommen sind. A Good Place to Be beobachtet ein altes Ehepaar bei der Suche nach einem Beerdigungsplatz. Alle drei Filme werden am Dienstag gezeigt.

Einem völlig entgegengesetzten politischen Spektrum ist Thea von Harbou zuzuordnen, die man als Frau von Fritz Lang kennt, als Autorin von "Metropolis" und als NS-Mitläuferin. Sie hat auch zweimal Regie geführt. Das Arsenal zeigt am Mittwoch Elisabeth und der Narr (1934), eine bizarre Mischung aus Nonnen-, Zirkus- und Kriminalfilm. Hertha Thiele spielt eine Ordensschwester, deren Vater von einem Buckligen ermordet wird. Unschuldige werden verdächtigt, und übersinnliche Kräfte sorgen für Aufklärung. Die linientreue Harbou musste erleben, wie ihr Film wegen "Verletzung religiöser Gefühle" verboten und erst nach seiner Verstümmelung freigegeben wurde. Gerlinde Waz hält zu diesem Nonnen-Trash eine Einführung.

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