Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

Wodka, Rentiere und lakonische Helden erwarten wir aus dem hohen Norden. Warum nicht auch im Dokumentarfilm? Nur 64 Minuten braucht Regisseur Anu Kuivalainen für die Geschichte einer jungen Frau und Mutter, die nach vier Jahren aus dem Gefängnis in eine kahle Wohnung entlassen wird. Sie hat, so erfahren wir, ihren Ehemann im Suff getötet. Doch nicht Sozialelend wird in Musta kissa lumihangella (Schwarze Katze im Schnee) beschworen. Eher geht es um die Frage, wie man sich einrichten kann in einem Leben, das mit den Hypotheken der Vergangenheit belastet ist. Dabei macht Kuivalainen aus der Not, seine Protagonistin zu schützen, ein filmisches Experiment: Der konsequente Verzicht darauf, ihr Gesicht zu zeigen, schafft außergewöhnliche Perspektiven auf ihre Welt. Der Film läuft als erster einer Reihe von drei finnischen Dokumentarfilmen Donnerstag bis Montag im fsk. Im letzten ("Das Opfer", 16.-19.12.) kommen dann auch Rentiere vor.

Marguerite Duras hat radikale Bücher und Filme geschrieben, aus Einsamkeit und Verzweiflung. Beno¬¤t Jacquot hat es 1993 gewagt, einen Film über sie zu drehen. Marguerite Duras: écrire verbindet Gespräche mit der Besichtigung der Orte, an denen die Duras ihrer Leidenschaft nachging. Donnerstag im Eiszeit, Freitag folgt ein Porträt Natalie Sarrautes von Jacques Doillon.

Von der "phänomenalen Zuhälterei des Kapitalismus gegenüber dem Kino vom Augenblick seiner Entstehung an" hat Duras geschrieben. "Die Welt jenes Kinos ist mit gehetzten Leuten bevölkert, es ist die Domäne der Angst vor dem Mangel beim Filmen, dem Mangel an Millionen, Milliarden". Es ist das Schicksal des Regisseurs Erich von Stroheim, dass er die Millionen brauchte, deren Hüter und Verwalter er verachtete. Neben Queen Kelly (Montag) und Foolish Wives (Samstag) ist am Sonntag im Arsenal Greed (1924) zu sehen, Stroheims realistischster Film, der dem Regisseur von der MGM von 22 auf zehn Rollen zusammengeschnitten wurde. So kam das Fleisch abhanden, das aus "Greed" das Äquivalent zum großen realistischen Roman gemacht hätte. Es bleibt die ergreifende Geschichte vom Untergang eines schwachen Menschen. Es bleibt auch der berüchtigte naturalistische Übereifer der Inszenierung, hinzu kommt die Lust an der symbolistischen Überhöhung. Wie Trina sich im Ehebett orgiastisch in Goldstücken suhlt, ist in Filmen immer wieder zitiert worden.

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