Kultur : City Lights

F. N.

Vor zwei Wochen wurde an dieser Stelle Cecil B. DeMilles "Cleopatra" empfohlen, jetzt ist eine Entschuldigung fällig. Als Journalist kann man nicht dafür garantieren, dass ein Kino die bestmögliche Kopie zeigt. Die Veranstalter wiederum - in diesem Fall das Zeughaus-Kino zu Gast im Babylon Mitte - können nicht für jeden Film, der ihnen geliefert wird, Experten sein. Wenn ihnen eine "Cleopatra"-Version geschickt wird, in der man nicht erfährt, was aus der Titelheldin wird, weil es nach dem Selbstmord von Marcus Antonius plötzlich "Ende" heißt, dann denken sie wahrscheinlich, der Film habe schon im Original so abrupt geendet. Hat er aber nicht. Und trotz der fehlenden zehn Minuten kostete der Eintritt mehr als sonst, nämlich 15 DM. Das kann sich wiederholen, denn im Gegensatz zu Buchhändlern verzichten Kopieranstalten leider darauf, Mängelexemplare als solche zu kennzeichnen.

Ein anderer Unsicherheitsfaktor, der bei Kinotipps beachtet werden muss, ist die musikalische Begleitung von Stummfilmen. Eines der letzten Meisterwerke dieser ausgestorbenen Gattung inszenierte der Schwede Victor Sjoström mit The Wind (1928). Die Hauptdarstellerin Lillian Gish hatte ihn ganz bewusst gewählt, bestand doch der wesentliche Beitrag der Skandinavier zur Filmkunst in ihrem Gespür für Natur. Derartig faszinierende Aufnahmen von Sand hat es erst wieder in "Lawrence von Arabien" gegeben. Gish spielt in dem Western-Melodram eine verwöhnte Frau von der Ostküste, die einen Farmer heiratet und sein rauhes Leben teilen muss. Einen Fremden, der sie vergewaltigen will, tötet sie in Notwehr und vergräbt ihn, aber der Wind holt die Leiche wieder hervor. Gishs hysterische Reaktion darauf gehört zu den unvergesslichen Momenten des Kinos. Hoffen wir, dass das Arsenal am Mittwoch auch für eine gute musikalische Begleitung sorgt.

Eine weitere Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs ist Ellen Burstyn in der Hubert-Selby-Adaption Requiem for a Dream. Dafür wurde sie Anfang dieses Jahres mit ihrer sechsten Oscar-Nominierung belohnt; dennoch fand der Film hierzulande lange keinen Verleih (am 3. Januar soll er nun regulär ins Kino kommen). Wer den Filmstart nicht abwarten will, kann "Requiem" bereits kommenden Mittwoch im Central besichtigen. Unter der Regie von Darren Aronofsky ("Pi") spielt Burstyn eine arme Frau aus Brooklyn, Sara Goldfarb, die den ganzen Tag lang vor dem Fernseher sitzt, Game Shows verfolgt und Schokolade in sich hineinstopft. Ihr Sohn dealt derweil mit Drogen. Als Sara das Angebot erhält, selbst in einer Game Show aufzutreten, versucht sie abzunehmen, schluckt Diätpillen und stürzt dadurch nur noch tiefer in die Katastrophe. Das ist kein Film für die Spaßgesellschaft, auch das Auge wird stark belastet. Heutzutage bestehen Filme durchschnittlich aus 600 bis 700 Einstellungen, bei Aronofsky sind es um die 2000. Starke Nerven sind also Voraussetzung - aus inhaltlichen wie stilistischen Gründen.

Eine unterprivilegierte Mutter kann auch leuchtendes Vorbild sein. Das hat etwa Kurt Maetzig mit Die Buntkarierten (1949) demonstriert, einem Zeitpanorama, das die Jahre von 1884 bis 1949 umfasst. Guste Schmiedecke, gespielt von der unverwüstlichen Camilla Spira, kommt im Kaiserreich als uneheliches Kind eines Dienstmädchens zur Welt, verliert in zwei Weltkriegen Ehemann und Kinder, darf aber noch die Gründung der DDR erleben.

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