Kultur : City-Lights

Silvia Hallensleben

Der vampirische Durst der Fernsehanstalten nach Nachwuchsblut wächst in gleichem Maß wie der Traum junger Menschen von der großen Filmkarriere. Die Zahl entsprechender Schulen und Hochschulen ist in den letzten Jahren ständig gestiegen. Die meisten von ihnen haben als Lehrstätten eine eigene Handschrift, die man auch ihren Produkten ansieht. Doch von den dort heranwachsenden Talenten hört der gewöhnliche Mensch meist erst dann, wenn sie schon Renommee erworben haben.

Um dem entgegenzuarbeiten - und die Ausbildungsstätten und das Schaffen der in ihnen Lernenden der Öffentlichkeit zu präsentieren, beginnt Franz Stadler von Filmkunst 66 jetzt mit einer langfristigen Unternehmung, die im Laufe des Jahres die verschiedenen deutschen Filmschulen mit Auswahlprogrammen vorstellen will. Den Anfang macht die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, eine Schule, die mit ihren Dozenten Thomas Hägele und Jochen Kuhn dem Animationsfilm besonders zugetan ist.

In ihren Filmen entdecken die jungen Trick-Filmer Leben an den erstaunlichsten Orten: Wer sitzt eigentlich am Steuerpult eines Squashballs? Was treibt Ratten auf die Autobahn? Und wer erwartete Armstrong auf dem Mond, nachdem er seinen großen Schritt für die Menschheit tat? Technisch müssen sich die Studenten dabei nicht vor den Meistern verstecken - auch wenn die handgebastelten Tricks immer noch die schönsten sind. Freitags im Spätprogramm und Sonntag nachmittags.

Ebenfalls aus Ludwigsburg kommt Turn! von Cyril Tuschi, wobei der Titel ganz altdeutsch turnvaterlich ausgesprochen gehört: Die Heldinnen werden in einer Sporthalle eingeschlossen. Seit November 2000 zeigt Dirk Lütter im Lichtblick-Kino in unregelmäßigen Abständen thematische Kurzfilmprogramme. Naturgemäß ist auch hier der Anteil von Filmhochschularbeiten groß,nach Möglichkeit werden Regisseure und Regisseurinnen zum Gespräch eingeladen. Diesmal stehen zwei etwas längere Filme über Mädchen auf dem Programm.

Während "Turn!" mit seiner künstlich hochgepuschten Kammerspiel-Dramaturgie sich doch eher als Trockenübung in Schauspielerführung, Licht und Raumgestaltung betrachten lässt, macht Elke Hauck in ihrem 65-minütigen Dokumentarfilm Flügge ernst. Ihre Heldinnen, Heranwachsende aus den Ostbezirken Berlins, sind so unterschiedlich wie Menschen eben sind: Nesthocker und Flüchtige, Durchblicker und Ratlose, angepasst oder rebellisch. Ganz hier-und-heutig und erstaunlich zeitlos auch: "Wir sitzen doch alle im Gefängnis". Haben Jugendliche das nicht auch schon vor hundert Jahren von der Welt behauptet?

Von Eingesperrtsein und Jugend in anderen Zeiten spricht auch ein Film, der schon einige Jahre alt ist und jetzt freundlicherweise im Lichtblick-Kino noch einmal auf die Leinwand kommt. Es ist eine Erinnerungsreise - und die einstmals Jungen sind auch im Film schon alt: In Bruchstücke begibt sich der Filmemacher Jörg Taszman - manchen Lesern vielleicht auch als Filmjournalist bekannt - auf die Spuren seiner Familie in Beregszász, einer Stadt in der Ukraine, die in den vergangenen Jahrzehnten fünf verschiedenen Staaten zugeschlagen war. Alle hatten sie eine gemeinsame Verbindung: den durchgehenden Antisemitismus.

Taszmans Großmutter Serena Davidovics war Jüdin, sie war unternehmungslustig und sie war jung. Als junges Mädchen entfloh sie der ländlichen Enge nach Belgien, bevor die Geschichte sie einholte. Von den Nazis wurde sie nach Ausschwitz verschleppt. Serena hat überlebt, ihr Ehemann und der Rest der Familie nicht. Sie starb irgendwann eines natürlichen Todes. Ihre Schicksalsgenossen in Beregszász sind heute alte Leute, letzte Vertreter einer aussterbenden Kultur, deren Spuren Taszman in seinem Film festhält. Dabei entdeckt der im Ostberlin der siebziger Jahre aufgewachsene Regisseur eine fremde Welt, die doch an der Konstitution der eigenen Identität beteiligt ist (die ganze Woche im Nickelodeon, Premiere heute in Anwesenheit des Regisseurs).

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