Kultur : City lights

Frank Noack

Aus der Berliner Off-Kino-Szene sind nur noch selten Erfolgsmeldungen zu verzeichnen. Eine rühmliche Ausnahme ist Franz Stadler, langjähriger Leiter des Filmkunst 66, der vor vielen Monaten nach Sylt ging, dort unauffällig scheiterte - und nun nach seiner Rückkehr nicht mit leeren Händen dasteht, sondern wieder sein altes Kino bespielt. Jetzt sieht es so aus, als sei er nie fortgegangen. Am kommenden Sonnabend präsentiert das Filmkunst 66 seine erste lange Erotik-Film-Nacht, eine Sittengeschichte des Kinos, zusammengestellt aus Trailern, Trick- und Kurzfilmen. Das Vorhaben nennt sich Die Sexfilm Trailer Picture Show und enthält Beiträge vom New York Erotic Film Festival, an dessen Auswahl Prominente wie Xaviera Hollander, Gore Vidal, Andy Warhol und Milos Forman beteiligt waren. Wer nachprüfen will, ob das Gewagte von gestern noch heute wirkt, kann sich außerdem zwei ambitionierte Skandalfilme aus den sechziger Jahren antun: Ingmar Bergmans Das Schweigen (Sonnabend und Sonntag) und Jens Jörgen Thorsens dänische Henry-Miller-Adaption Stille Tage in Clichy (Montag bis Mittwoch).

Nicht nur Sex, auch Gewalt wird oft als "geil" bezeichnet. Und ruft deswegen schon mal die Zensoren auf den Plan. Geoffrey Wrights Skinhead-Drama Romper Stomper (1992) wurde in seiner australischen Heimat mit Preisen überhäuft und spielte dort riesige Summen ein; der Rest der Welt aber reagierte verstört und rief zum Boykott auf. Nicht ganz zu Unrecht. Es fehlt eine Stimme der Vernunft, die das blutige Treiben der Glatzköpfe kommentiert. Gerade das ist jedoch auch eine Stärke des Films. Geoffrey Wright beobachtet präzise, ohne zu agitieren. Der Film ist zwiespältig im positiven Sinne, er bietet keine einfachen Lösungen. Dass er Beifall von der falschen Seite erhielt, liegt zum Teil an dem charismatischen Hauptdarsteller Russell Crowe, der trotz zahlreicher Flops fast ein Jahrzehnt lang von der Interpretation des brutalen Anführers Hando profitieren konnte (Brotfabrik von Donnerstag bis Mittwoch).

Drastische Maßnahmen werden auch in Barry Shears Wild in the Streets (1968) ergriffen. In diesem vor einigen Jahrzehnten Aufsehen erregenden Film dürfen US-Bürger schon mit vierzehn Jahren wählen. Sie beschließen, alle Menschen, die älter als dreißig sind, in Internierungslager zu sperren. Diese Utopie hat sich gottseidank nicht verwirklicht. Im Gegenteil: Der junge Hauptdarsteller Christopher Jones, für ein paar Monate Schwiegersohn von Lee Strasberg, wurde schnell wieder arbeitslos, während Shelley Winters, die seine aus Altersgründen weggesperrte Mutter verkörperte, zu den unverwüstlichen Hollywood-Legenden gehört - im August wird sie achtzig (heute im Eiszeit).

Ganz und gar nicht vergessen ist Bernhard Wicki, der im Januar vor zwei Jahren starb - doch auch in seinem Werk befinden sich unterschätzte Arbeiten wie Morituri (1965), ein Spionagethriller mit Yul Brynner und Marlon Brando. Martin Benrath gibt darin einen der fiesesten Nazis aller Zeiten; daneben beeindruckt die exzellente, Oscar-nominierte Schwarzweißfotografie von Conrad Hall und die auf CD verewigte Zithermusik von Jerry Goldsmith (Babylon Mitte am Montag).

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