Kultur : City Lights

Silvia Hallensleben

Noch ein paar Tage, dann ordnet sich das Berliner Filmleben der Übermacht der Festivalereignisse unter. Auch das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz wird nach seiner Restaurierung erstmals nach langer Pause wieder zum durchgängigen Spielort für das Internationale Forum des Jungen Films. Vorher ist dort aber noch einmal der mittlerweile schon traditionelle FilmSamstag mit einem Programm der Frankfurter Filmemacherin und Kubelka-Schülerin Helga Fanderl zu Gast. Helga Fanderl macht seit fünfzehn Jahren Filme auf Super 8, und sie macht sie so, wie sie nur mit dieser Technik möglich sind: direkt, unmittelbar und höchst gegenwärtig. Die Filme sind in der Kamera geschnitten, auch sonst atmen sie die sinnliche Präsenz ihrer Autorin. Und, ob es nun um ein Riesenrad geht, die blanke Natur oder ein Silvesterfeuerwerk, sie verweisen immer auch auf die ureigenen Qualitäten des Films: Bewegung und Licht. Für dieses Programm hat Fanderl siebzehn von ihnen zu drei Kapiteln zusammengestellt. Selbstverständlich wird sie die Vorführung am Samstag im Babylon selbst begleiten.

In ihrer radikalen Subjektivität und der Verweigerung gegenüber gängigen Formen sind Fanderls Filme auch politisch. Eine ganz anderes Politikverständnis lässt sich in dem chinesischen Revolutionsballett Das rote Frauenbataillon bestaunen, das 1970 während der chinesischen Kulturrevolution entstand und einen faszinierenden Einblick in die Funktionalisierung der Künste zu höheren Zwecken bietet. Heute erscheint die Verknüpfung von verwestlichter Orchestermusik, Ballett und stilisierten Kampfhandlungen zu einem revolutionären Gesamtkunstwerk eher bizarr. Künstlich romantisierende Kulissen. Kämpferischer Ausdruck, zur Pose erstarrt. Farben, verblasst bis zum Wegschmelzen. Schön, grauslich und lehrreich (samstags im Arsenal mit einer Einführung von Dorothee Wenner).

Eine romantische Zeitreise in vergehende Welten bot auch schon die erste stumme Heidi-Verfilmung in den zwanziger Jahren, wobei wohl mittlerweile jeder Mädchen-Jahrgang seine spezielle Heidi-Erfahrung und den entsprechenden Heidi-Film parat hat. Siebzehn Varianten sollen mittlerweile die Leinwand zieren. Drei Beispiele quer durch die Filmgeschichte werden jetzt im Potsdamer Filmmuseum gezeigt: Eine recht betagte Hollywood-Heidi (Regie: Allan Dwan) von 1937 mit Lockenschopf Shirley Temple in der Titelrolle, ein japanisches Heidi in the Mountains, das 1975 der erfolgreichen Zeichentrickfilmserie nachgeschoben wurde, und die ganz neue achtzehnte Fassung des Stoffs von Markus Imboden, die im Februar auch regulär ins Kino kommt. In der Schweiz tobt mittlerweile ein regelrechter touristischer Heidi-Krieg zwischen der Region um Maienfeld, wo die authentische Spyri-Heidi residierte und dem ostschweizerischen Sarganserland, das sich erfolgreich mit Öhi-Alm und täglichen Ziegenpeter-Paraden als "Heidiland" vermarktet. Imboden setzt auf die Schweizer Intrigen noch eins drauf: Vermutlich zwecks Einsackung von Fördermitteln tauschte er kurzerhand das feindselig Sesemannsche Frankfurt gegen ein echt cooles Berlin. Mainhattan, wehre dich! Wir setzen auf Fräulein Rottenmaier. Oder gibt es die auch nicht mehr? (Samstag und Sonntag.)

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